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Historie des deutschen Auslandsbaugeschäfts

Der deutsche Auslandsbau hat eine lange Tradition. So konnten Firmen wie Philipp Holzmann, Hochtief, Wayss & Freytag, Dyckerhoff & Widmann, Julius Berger sowie Grün & Bilfinger bereits zum Ende des 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts Großaufträge im Ausland akquirieren. Nach dem 2. Weltkrieg konnten deutsche Bauunternehmen nach und nach an ihr früheres Auslandsengagement anknüpfen. Aus kleinen Anfängen, beginnend im Jahr 1950, erreichte das Auslandsgeschäft der deutschen Bauindustrie, gemessen am Auftragseingang, zu Beginn der 1970iger Jahre ein Volumen von rund 1 Mrd. DM pro Jahr. Mit der 1. Ölkrise im Jahr 1973 stieg es innerhalb weniger Jahre auf bis zu 12 Mrd. DM (1976 und 1981), um nach dem Abflauen des Ölbooms wieder auf eine Jahresrate von 2 bis 3 Mrd. DM zurückzugehen. Im Verlauf der 1990iger Jahre lag das Bauexportgeschäft der deutschen Bauindustrie wieder bei durchschnittlich 3,5 Mrd. DM. Zwischenzeitlich wurde der traditionelle Auslandsbau jedoch überlagert von einem dynamischen Anstieg des Tochter- und Beteiligungsgeschäfts, das sich auf ein Vielfaches des Bauexportgeschäfts summierte. In der ersten Dekade des 21. Jahrhundert betrug das jährliche Auftragseingangsvolumen für das Bauexportgeschäft im Schnitt bei rund 1,5 Mrd. €.  

Die schrittweise Internationalisierung des deutschen Auslandsbaus und die damit verbundene wachsende Bedeutung des internationalen Baugeschäfts ab 1950 lassen sich holzschnittartig in vier Entwicklungsphasen rastern:

Phase 1: Das „Goldene Zeitalter“ des klassischen Bauexportgeschäfts (1950 - 1982)

Von 1950 Jahre bis in die frühen 1980iger Jahre war der Normalfall im Auslandsbau die Bearbeitung, Steuerung und Abwicklung eines Auslandsauftrags durch die Auslandsabteilung des Unternehmens im Inland. Auf der Baustelle im Ausland waren vom Oberbauleiter über die Kaufleute und den Polier bis hin zu gewerblichen Vorabeitern nahezu alle Positionen durch entsandte deutsche Mitarbeiter besetzt. Zur Baustelle exportiert wurden die Baugeräte sowie die qualitativ hochwertigen Materialien. Bis zu den frühen 1970er Jahre verteilten sich die internationalen Aktivitäten auf insgesamt rund 90 Länder, davon gut zwei Drittel Entwicklungsländer. Beginnend mit der 1. Ölkrise im Jahr 1973 verlagerte sich das deutsche Auslandsbaugeschäft in die ölreichen Staaten der Golfregion und Nordafrikas, da den OPEC-Ländern enorme Deviseneinnahmen zuflossen, die zum Teil in Infrastrukturprojekte reinvestiert wurden. Die deutsche Bauindustrie konnte an dieser Auftragsflut partizipieren und die Auftragseingänge aus dem Ausland schnellten innerhalb von nur drei Jahren auf mehr als 12 Mrd. DM in 1976 in die Höhe. Zwischen 1977 und 1982, dem „Goldenen Zeitalter des deutschen Auslandsbaus“, lag der Auftragseingang stets zwischen 7 und 12 Mrd. DM, der Anteil der OPEC-Länder lag bei bis zu 80%.

Phase 2: Ausbau des Tochter- und Beteiligungsgeschäfts (1983 - 2001)

Im Laufe der 1980er Jahre verringerte sich der Ölpreis drastisch, wodurch der internationale Bauboom abebbte. Allerdings hatte die Nachfrageexplosion der OPEC-Staaten zusätzliche Anbieter aus den Schwellenländern angezogen und in den Folgejahren entwickelten sich die international agierenden Firmen aus Korea, Brasilien und der Türkei sowie saudische Firmen in der Golfregion auf Grund ihres erheblich niedrigeren Kostenniveaus zu einer ernst zu nehmenden Konkurrenz. International ausgeschriebene Großprojekte wurden von nun an von in Joint Ventures mit lokalen Baufirmen ausgeführt, um im Markt wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Entsendung deutschen Personals sank rapide ab, der Technologietransfer schritt voran. Bereits 1979/80 hatte Philipp Holzmann mit dem Erwerb der Mehrheitsanteile der U.S.-Baufirma J.A. Jones einen Wandel in der Auslandsstrategie eingeleitet, den die übrigen deutschen Bauaktiengesellschaften allmählich nachvollzogen. Die Firmen begannen, sich vom Fokus auf das Projektgeschäft zugunsten einer umfassenden Marktorientierung zu lösen. Bereits Mitte der 1980er Jahre betrug der Anteil des Tochter- und Beteiligungsgeschäft am gesamten internationalen Baugeschäft rund 75 %, mit der Konsolidierung der australischen Baufirma Leighton Holdings (heute CIMIC) durch Hochtief im Jahr 2001 stieg dieser Anteil auf über 90%.

Phase 3: Erschließung neuer Geschäftsfelder im Dienstleistungsbereich (1990 - 2013)

Im Zuge der Privatisierung vieler Volkswirtschaften in den 1990iger Jahren gewann neben dem Staat als öffentlichem Auftraggeber eine Vielzahl privater internationaler Kunden an Bedeutung. Mit der Verbreiterung des Kundenportfolios ging eine Diversifizierung der Projektabwicklungsmechanismen einher und - nicht zuletzt auf Grund des globalen Bedarfs an privat finanzierten Infrastrukturmaßnahmen - war in den Bereichen Energieversorgung und Verkehrsinfrastruktur ein verstärkter Nachfragetrend hinsichtlich systemischer Gesamtlösungen zu beobachten, welcher die Planung, den Bau, den Betrieb sowie die Finanzierung der Anlage umfasste. Die deutsche Bauindustrie reagierte auf diese Nachfrage und erweiterte ihre Kernkompetenzen Planen und Bauen um vor- und nachgelagerte Dienstleistungen, wie etwa Finanzierung, Betrieb, Facility Management bis hin zu industriellen Dienstleistungen für die Energiewirtschaft. Dadurch entwickelten sich die führenden deutschen Bauaktiengesellschaften zu Systemführern in den Sparten Verkehrsinfrastruktur und Soziale Infrastruktur.

Phase 4: Verlust der Unabhängigkeit (seit 2008)

Heutzutage liegt die Aktienmehrheit bei den größten international aktiven deutschen Baufirmen bei ausländischen Baukonzernen. Die Gründe für diese Entwicklung sind sehr komplexer Natur und reichen bis ins Jahr der deutschen Wiedervereinigung zurück. Gleichwohl handelt es sich auch im Falle, dass , die Anteilseigner mehrheitlich oder sogar vollständig im Ausland sitzen, weiterhin um „deutsche“ internationale Baufirmen, da sie nach deutschem Recht gegründet wurden, ihren handelsrechtlichen Sitz weiterhin in Deutschland belassen haben, ihre Organe deutschem Haftungsrecht unterliegen, die Körperschafts- und Gewerbesteuer in Deutschland abführen und qualifizierte Arbeitsplätze in Deutschland schaffen und erhalten.