Einschätzung der großen Industrieverbände

Wie schätzen die großen Industrieverbände die Situation ein? Bauindustrie aktuell hat nachgefragt.

Dr. Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie. 
„Deutschland ist als Standort für Chemieanlagen nicht attraktiv genug. Die Investitionen der Branche im Inland stagnieren seit 25 Jahren. Im Ausland legen sie immer stärker zu, denn dort kann billiger produziert werden. Einen klaren Nachteil hat Deutschland bei den Energiekosten. Sie sind für unsere Branche ein wichtiger Faktor im globalen Standortwettbewerb. Häufig wechselnde energiepolitische Vorgaben erzeugen hohe Kosten, Planungsunsicherheit und so Zurückhaltung bei Investitionen. Verlieren wir noch mehr Investitionen ans Ausland, kann es zu gravierenden Einschnitten im Industrienetzwerk kommen.“

 

 

Dr. Reinhold Festge, VDMA-Präsident
„Investitionen sind Voraussetzung für Wohlstand und Beschäftigung. Wie viele andere Sektoren der Wirtschaft leidet auch der Maschinen- und Anlagenbau unter einer Investitionsschwäche. Knappe Budgets der öffentlichen Hand und weltwirtschaftliche Unsicherheiten gefährden den Erhalt des volkswirtschaftlichen Kapitalstocks. Die Politik kann mit geeigneten Rahmenbedingungen begegnen. Die steuerliche Gleichstellung von Eigen- und Fremdkapital, die Einführung einer steuerlichen F&E-Förderung und nicht zuletzt die Bereitstellung einer guten öffentlichen Infrastruktur sind Basis für private Investitionen.“

 

 

Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie.
„Mit einem Ausfuhrwert von über 190 Milliarden Euro an Fahrzeugen, Anhängern und Kfz-Teilen ist unser Land automobiler Exportweltmeister. Zugleich aber verliert Deutschland an Wettbewerbsvorsprung. Die M+E-Lohnstückkosten sind seit 2012 um 17 Prozent gestiegen. Die Energiekosten sind standortrelevant, Investitionen dominieren im Ausland. Für unseren Produktionsstandort müssen Politik, Unternehmen und Gewerkschaften die Wettbewerbsfähigkeit stärken, um Investitionen gerade im Mittelstand zu fördern. Dazu zählen offene Märkte, Impulse für die Innovationskraft der Industrie, Maß und Mitte in der Klimaschutzpolitik sowie ein flexibler Arbeitsmarkt. Wer heute Wettbewerbsfähigkeit für selbstverständlich hält, der hat sie schon morgen verloren.“

 

 

Harald Kroener, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Metalle.

„Für den Investitionsstau gibt es vielfältige Gründe. Der Staat investiert zu wenig in die Infrastruktur und die Unternehmen halten sich aufgrund struktureller Veränderungen zurück. Eine Studie belegt auch für die Metallindustrie: In Deutschland wird vor allem investiert, um Kosten zu senken. Neue Kapazitäten und Wachstum entstehen so nicht. Die Politik hätte es in der Hand. Stattdessen wirkt der Klimaschutzplan 2050 wie ein weiteres Verunsicherungsprogramm für die Industrie. Nur mit verlässlichen Rahmenbedingungen und maßvollen politischen Eingriffen kommen wir wieder auf den Wachstumspfad.“
 
 
 
 

Hans Jürgen Kerk- hoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl.

„Voraussetzung für Investitionen sind faire Wettbewerbsbedingungen. Genau die aber fehlen der Stahlindustrie momentan – unfairer finanziellen Spielraum und die Planungssicherheit für die Unternehmen ein. Wenn fehlerhafte Politik der Branche Perspektiven verbaut, wird dies Folgen für Produktion, Beschäftigung und die Innovationsfähigkeit in Deutschland haben. Denn Stahl ist Materialkompetenz und deswegen unverzichtbar für die industrielle Wertschöpfung. Deshalb müssen die politischen Entscheider wissen, dass die doppelte Last aus einseitigem Klima- und unzureichendem Außenhandelsschutz die Zukunftsperspektiven für die Industrie in unserem Land verbaut.“