Baukonjunktur - Zenit erreicht?

Die saisonübliche Aufhellung der Einschätzung der aktuellen Geschäftslage ist in der Bauwirtschaft im Herbst 2019 ausgefallen. Die Bauunternehmen schätzen ihre Geschäftslage sogar etwas schlechter ein als im Herbst 2018. Auch die Erwartungen haben sich nicht nur saisonbedingt eingetrübt, die Befragten sehen auch nicht mehr so optimistisch in die Zukunft wie vor einem Jahr. Die Steigerungsraten der Auftragseingänge haben sich verlangsamt, die Meldungen von Auftragsstornierungen nehmen zu. Hat die Bauwirtschaft damit nach über 10 Jahren des Bauaufschwungs ihren Zenit erreicht?
 

Erwartungen trüben sich ein

Insgesamt ist die Einschätzung zur aktuellen Geschäftslage durch die Bauunternehmen noch ausgesprochen positiv: Immerhin bewerten 67 % der im Rahmen der DIHK-Herbst-Umfrage befragten Bauunternehmen ihre aktuelle Geschäftslage als „gut“, 29 % als „befriedigend“ und lediglich 4 % als „schlecht“. Die übliche Aufhellung gegenüber der Vorumfrage im Frühsommer ist diesen Herbst allerdings ausgefallen, die Unternehmen schätzen ihre Lage sogar etwas schlechter ein als im Vorjahr. 
 
Hinzu kommt, dass sich die Erwartungen im Vergleich zum Frühsommer deutlich verschlechtert haben, sie nehmen ebenfalls im Vergleich zum Vorjahr merklich ab. Der Saldo aus „besser“- und „schlechter“-Meldungen liegt bei minus vier Punkten und das erste Mal seit Jahresbeginn 2015 im negativen Bereich. Der Saldo ist damit innerhalb von fünf Monaten um 15 Punkte eingebrochen, aber auch im konjunkturell aussagekräftigeren Vorjahresvergleich ist der Rückgang mit 13 Punkten deutlich. Insgesamt liegt der Anteil der Pessimisten bei 15 % und damit neun Prozentpunkte höher als in der Vorjahresumfrage und in der Vorumfrage. Insgesamt rechnet nur noch jeder zehnte der befragten Bauunternehmen mit einer „verbesserten“ Geschäftslage in den kommenden 12 Monaten, aber immer noch drei von vier mit einer „gleichbleibenden“. 
 
Entsprechend setzen die Bauunternehmen an ihren Investitionsbudgets an: Nur noch jedes fünfte der befragten Bauunternehmen (im Vorjahr waren es noch jedes vierte) plant für die kommenden 12 Monaten eine „Ausweitung“ seiner Investitionen, 67 % „gleich hohe“ und sogar 14 % eine „Einschränkung“ (im Vorjahr nur 8 %). Die sich abschwächenden Erwartungen führen dazu, dass die Unternehmen weniger in den „Kapazitätsaufbau“ investieren wollen: Nur noch 22 % der befragten Bauunternehmen gaben dies als Motiv für ihre Investitionen an, in der Vorjahresumfrage lag der Anteil noch bei 26 %.
 
Ist die Verschlechterung des Stimmungsbildes lediglich eine Folge des sich ausbreitenden Pessimismus aufgrund der sich abschwächenden Gesamtwirtschaft, oder gibt es schon konkrete Anlässe zur Sorge?
 

Auftragsmangel und Stornierungen nehmen leicht zu

Indikatoren für eine Trendwende am Bau sind neben den Konjunkturindikatoren wie Auftragseingang, -bestände und Genehmigungen, Meldungen zu Auftragsmangel und Stornierungen sowie die Entwicklung der Baupreise und die der offenen Stellen für Baufacharbeiter. 
 
Die Auftragseingänge im Bauhauptgewerbe sind noch gut: In dem Zeitraum von Januar bis August liegen diese um nominal 9,7 % über dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum (real: +3,9 %). Allerdings mit abnehmender Tendenz: Während die Aufträge im ersten Quartal noch um 14,3 % zulegten, lag die Veränderungsrate im zweiten Quartal bei 7,8 % und in den Monaten Juli bis August bei 6,7 % (August: +2,1 %). Die Baugenehmigungen für den Neu- und Umbau von Wohnungen sind im gleichen Zeitraum um 2,5 % zurückgegangen, die Neubaugenehmigungen für Wirtschaftshoch-bauten um 2,7 % Lediglich die Genehmigungen für öffentliche Hochbauten legten zu (+23,3 %).
 
Es stellt sich die Frage wie es in Zukunft mit den Aufträgen weitergeht: Im Rahmen des ifo Konjunkturtests meldeten im Oktober diesen Jahres 8 % der befragten Bauunternehmen eine Behinderung ihrer Bautätigkeit aufgrund von Auftragsmangel, das ist der erste Anstieg im Vorjahresvergleich seit 2014. Im Straßenbau waren sogar 13 % betroffen. Hier fällt der Auftragseingang auch weit unterdurchschnittlich aus: Er legte in den ersten acht Monaten nur um 4,2 % zu (August: -14,4 %), preisbereinigt wurde sogar ein Rückgang von 2,6 % ausgewiesen. Der HDB führt dies auf mangelnde Personalkapazitäten in den Planungs- und Genehmigungsbehörden, den Umstellungsprozessen von der Auftragsverwaltung der Länder zur Autobahn GmbH des Bundes sowie auf die Zurückhaltung der öffentlichen Auftraggeber (insbesondere der Kommunen) aufgrund der gestiegenen Preise zurück. 
 
 
Auch die Meldungen von Auftragsstornierungen haben leicht zugenommen: Während im Durch-schnitt der Monate Januar bis Oktober 2018 1,5 % der befragten Bauunternehmen angaben, sie wären von Stornierungen betroffen, waren es 2019 3,2 % (Oktober: 3,8 %). Im Straßenbau ist der Anteil sogar von 3,7 % auf 7,3 % gestiegen (Oktober: 7,0 %). 
 

Preissteigerung verlangsamt sich

Während der Preisindex im Bauhauptgewerbe im Januar 2019 noch um 6,1 % über dem Niveau von Januar 2018 lag, wurde für August nur noch ein Plus von 4,4 % ausgewiesen. Es stellt sich die Frage, ob diese Entwicklung auf die Abschwächung des Nachfrageanstiegs oder auf sinkenden Kosten zurückzuführen ist. So werden für Betonstahl in Stäben und Bitumen seit einigen Monaten leichte Preisrückgänge (im Vergleich zum Vorjahr) gemeldet. 

 

Nachfrage nach Baufacharbeitern sinkt

Es scheint als ob die Bauunternehmen nach einem starken Beschäftigungsaufbau (seit dem Tiefpunkt 2009 wurde die Zahl der Beschäftigten im Bauhauptgewerbe um 150.000 auf 857.000 erhöht) nun etwas auf die Einstellungsbremse treten würden. 
 
So meldete die Bundesagentur für Arbeit von Mai 2015 bis April 2019 (durchgehend) eine hohe Zahl an offenen Stellen für Baufacharbeiter mit bauhauptgewerblichen Berufen, die Veränderungsraten zum Vorjahr waren teilweise zweistellig. Von Mai diesen Jahres bis August lagen die Veränderungs-raten nur noch unter einem Prozent, seit September ist die Zahl der offenen Stellen sogar rückläufig. Anscheinend führen die zunehmende Unsicherheit und die vermehrten Meldungen von Investitionsstops und –verzögerungen dazu, dass – trotz Meldungen von Fachkräftemangel – offene Stellen erst einmal unbesetzt bleiben. Schließlich können sich noch viele Unternehmen an die Baurezession von 1995 bis 2005 mit Insolvenzen und Personalentlassungen erinnern. 

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.