Baukonjunkturelle Lage: Bauindustrie: Baujahr 2020 von Corona nur leicht beeinflusst

Zu Beginn des Jahres 2020 standen für das deutsche Bauhauptgewerbe noch alle Ampeln auf grün. Im Vorjahr legte der Auftragseingang in der Branche um 8,2 % zu, auch der Auftragsbestand erreichte Ende 2019 einen neuen Rekordwert von 52 Mrd. Euro. Entsprechend positiv waren die Erwartungen. Der Hauptverband prognostizierte für das Bauhauptgewerbe ein Umsatzplus in der Größenordnung von nominal 5,5 %, preisbereinigt von 1,5 %.

Vor allem im zweiten Quartal hat die Corona-Krise die Gesamtwirtschaft stark belastet. Selbst wenn die derzeitigen Lockerungen im Wirtschaftsleben beibehalten werden und es nicht zu einem erneuten partiellen Lockdown in der Wirtschaft kommt, wird das reale Bruttoinlandsprodukt 2020 stark zurückgehen. Die Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten (im Durchschnitt) für 2020 einen Einbruch von 5,4 %.

Die Bauwirtschaft erweist sich bislang noch als stabil. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes ging die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung in den ersten drei Quartalen preisbereinigt um 5,8 % zurück, während sie im Baugewerbe noch um 2,0 % zulegte. Zwar zeigten sich im zweiten Quartal auch im Baugewerbe Produktionsbehinderungen durch fehlende Arbeiter aus dem Ausland und die Hygienevorschriften auf den Baustellen, seit Juni läuft die Produktion aber wieder auf Vorkrisenniveau.

Der baugewerbliche Umsatz im Bauhauptgewerbe (Betriebe mit 20 und mehr Beschäftigten) stieg von Januar bis September nominal um 5,1 %, real um 2,4 %. Der Auftragseingang legte im Januar und Februar noch deutlich zu, entwickelte sich danach aber uneinheitlich. Rückgängen standen Zuwächse im Juni und September gegenüber. Für die ersten neun Monate ergibt sich damit eine nominale Stagnation gegenüber dem Vorjahr, real ein Rückgang von 2,7 %. Der Auftragsbestand erreichte dennoch zur Jahresmitte einen neuen Rekordwert von 58,7 Mrd. Euro (+ 7,1 % gegenüber dem Vorjahreswert).

Bei der Bewertung muss zwar in Betracht gezogen werden, dass eventuell stornierte Aufträge erst nachträglich erfasst werden. Der Anteil der Firmen des Bauhauptgewerbes, der in der ifo Konjunkturumfrage eine Behinderung der Bautätigkeit durch Stornierungen meldet, hat sich von Januar bis Mai 2020 von 3,4 auf 10,9 % verdreifacht, ist aber bis November wieder auf 5,1 % gefallen.

Die Corona-Krise hat auch die Stimmung in der Baubranche eingetrübt. Laut der ifo-Konjunkturumfrage im November wurde die aktuelle Geschäftslage im Bauhauptgewerbe per Saldo noch positiv eingeschätzt (+ 23 Punkte). Bei den Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate gab es allerdings gegenüber dem Vorjahr einen deutlichen Rückgang: Der Saldo („günstiger“ abzüglich „ungünstiger“ Meldungen) lag saisonbereinigt bei - 20 Punkten (April: - 50).

Bausparten

Der Wohnungsbau dürfte noch am besten durch die Krise kommen. Trotz der Corona-Krise legte die Zahl der genehmigten Wohnungen von Januar bis September um 4,2 % zu, zudem hat sich in den vergangenen Jahren ein Überhang von mehr als einer halben Million genehmigter, aber noch nicht fertiggestellter Wohnungen aufgestaut. Der Druck auf die Wohnungsmärkte, gerade in den Ballungsgebieten und ihrem jeweiligen Umland, wird sich zudem trotz der Corona-Krise nicht abschwächen.

Im Bereich des Wohneigentums, also der Ein- und Zweifamilienhäuser bzw. selbstgenutzter Eigentumswohnungen, kann es aufgrund von Arbeitsplatzunsicherheiten zu einer schwächeren Nachfrage kommen, die sich produktionsseitig wohl aber erst 2021 niederschlagen wird. Im Mietwohnungsbau hingegen dürfte die Nachfrage stabiler bleiben. So bezeichnet das Forschungsinstitut empirica Deutschland als langfristig sicheren Hafen für Kapitalanleger im Wohnungsbau. Dies zeigt sich auch in einer deutlichen Zunahme der Wohnungspreise in den ersten drei Quartalen. Zudem könnte es aufgrund der Konjunkturkrise wieder zu einer verstärkten Zuwanderung von Arbeitskräften aus Südeuropa nach Deutschland kommen, wodurch die Nachfrage nach Wohnraum hoch bleiben wird.

Von Januar bis September stieg die Zahl der genehmigten Neubauwohnungen um 5,7 %. Der Auftragseingang im Bauhauptgewerbe in dieser Sparte stieg im gleichen Zeitraum um nominal 5,7 %, der Umsatz um 6,9 %. Der Auftragsbestand lag Ende Juni mit 10,8 Mrd. Euro um 4,4 % über dem Vorjahreswert.

Der Öffentliche Bau kam im bis 2019 anhaltenden Bauaufschwung nur spät in Gang. Dies war vor allem auf die Zurückhaltung der Kommunen zurückzuführen, auf die mehr als die Hälfte der öffentlichen Bauausgaben entfallen. Eigentlich hatten die Städte und Gemeinden für das laufende Jahr geplant, ihre Ausgaben für Baumaßnahmen zweistellig auszuweiten. Die Corona-Krise und die darauf basierenden Steuermindereinnahmen machen dies unmöglich. Allerdings werden Bund und Länder im Rahmen des Konjunkturprogramms die wegbrechenden Gewerbesteuereinnahmen in diesem Jahr komplett ersetzen. Zudem übernimmt der Bund einen weiteren Anteil an den Kosten der Unterbringung für berechtigte Haushalte. Damit können die kommunalen Bauinvestitionen einigermaßen stabilisiert werden.

Zwar werden auch Bund und Länder mit erheblich geringeren Steuereinnahmen auskommen müssen. Allerdings ist die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse für 2020 aufgehoben worden, um die fehlenden Einnahmen durch eine Neuverschuldung ausgleichen zu können. Deshalb erwarten wir, dass bei Bund und Ländern die Ausgaben für Baumaßnahmen gegenüber dem Vorjahr wie geplant leicht zulegen werden. Zudem hat der Bund im zweiten Nachtragshaushalt die Investitionen in die Bundesfernstraßen im laufenden Jahr um 680 Mio. Euro erhöht.

Dennoch verzeichnen wir im Straßenbau eine besondere Problemlage. Hier sind bereits im Vorjahr die Auftragseingänge nur noch um nominal 3,9 % gestiegen, waren somit preisbereinigt sogar rückläufig. Diese Lage hat sich in den ersten neun Monaten 2020 mit einem nominalen Auftragsrückgang von 0,9 % weiter verschlechtert. Wir führen dies auch darauf zurück, dass beim Bau von Bundesfernstraßen der Übergang von der Auftragsverwaltung der Länder auf die Autobahn GmbH des Bundes nicht reibungslos verläuft. Zudem mehren sich Meldungen unserer Mitgliedsfirmen, wonach auf Landes-, vor allem aber auf kommunaler Ebene, Ausschreibungen in der Erwartung sinkender Preise aufgehoben werden bzw. erst gar nicht an den Markt kommen. Ob die Aufstockung der Bundesmittel hier schnell Wirkung zeigt, muss abgewartet werden.

Wir haben gegenüber der Politik sehr deutlich gemacht, dass die Corona-bedingten Mehrausgaben nicht zu einer Kürzung der Investitionen führen dürfen. Erhalt und Ausbau der staatlichen Infrastruktur sind unabdingbare Voraussetzungen dafür, dass Deutschland - wie bereits 2010 - die Konjunkturkrise relativ zügig und nachhaltig überwinden kann. Dazu war allerdings der positive Entscheid über die Einrichtung eines „kommunalen Rettungsschirms“, mit dem die Investitionstätigkeit gerade in den hoch verschuldeten Kommunen zumindest annähernd stabilisiert werden kann, notwendig. Wir haben in den beiden Konjunkturprogrammen der Jahre 2008 und 2009 gelernt, wie lange es dauert, bis ein Investitionsimpuls des Bundes auf kommunaler Ebene in Baumaßnahmen umgesetzt wird.

Von Januar bis September legte das Volumen der Genehmigungen im Nichtwohnungshochbau (veranschlagte Baukosten) für öffentliche Auftraggeber um 9,9 % zu. Der gesamte Auftragseingang (inklusive des öffentlichen Tiefbaus) im Öffentlichen Bau stieg um nominal 1,5 %, der Umsatz um 5,7 %. Wir erwarten aber für das letzte Quartal auf kommunaler Ebene eine schwächere Entwicklung. Der Auftragsbestand lag zur Jahresmitte mit 20,4 Mrd. Euro um 2,9 % unter dem Vorjahreswert.

Am deutlichsten betroffen wird von der Corona-Krise im laufenden Jahr der Wirtschaftsbau sein. In der letzten großen Wirtschaftskrise 2009 wirkten die Bauinvestitionen der Dienstleistungsbereiche noch stabilisierend. Dies wird so im laufenden Jahr nicht eintreten. Schließlich sind viele Dienstleister, die auf direkten Kundenkontakt angewiesen sind, von der wochenlagen Schließung und anschließend zaghaften Wiedereröffnung besonders hart getroffen worden. Auch der zweite - wenn auch abgemilderte - Shutdown wirkt belastend. Ihre Investitionsfähigkeit und -bereitschaft hat dadurch einen starken Dämpfer erhalten, der sich vermutlich vor allem im Jahr 2021 zeigen wird.

Noch stärker betroffen wird im laufenden Jahr die Industrie sein, die schon seit Jahren unser „Sorgenkind“ ist. Trotz des langanhaltenden Wirtschaftsaufschwungs lagen im Verarbeiten Gewerbe die Investition in Neubauten 2019 preisbereinigt nur leicht über dem Niveau von 2015, während in der Gesamtwirtschaft im gleichen Zeitraum ein Wachstum von 11 % zu verzeichnen war. Für das laufende Jahr erwarten die Branchenvertreter der Industriebereiche einen preisbereinigten Produktionsrückgang im zweistelligen Bereich. Wie stark dies auf die inländische Investitionstätigkeit durchschlagen wird, hängt entscheidend davon ab, ob es gelingt, durch Maßnahmen wie Sonderabschreibungen oder Investitionszulagen die Investitionen zumindest einigermaßen zu stabilisieren.

Ein Lichtblick könnten die volumenmäßig bedeutsamen Bauinvestitionen der Ver- und Entsorgungsunternehmen sein. Es spricht viel dafür, dass sich deren nahezu ausschließlich über Gebühren finanzierte Investitionen 2020 dem allgemeinen Abwärtstrend entziehen können. Auch einzelne Dienstleistungsbereiche wie Verkehr und Lagerei oder Kommunikationsdienstleister könnten ihre Bautätigkeit im laufenden Jahr stabil halten.

Im Wirtschaftstiefbau dürfte die Deutsche Bahn AG - der wichtigste Auftraggeber - 2020 ihre Investitionen auf dem Vorjahresniveau halten. Diese werden größtenteils aus Zuschüssen aus dem Bundeshaushalt finanziert. Im laufenden Jahr stellt der Bund mit 6,6 Mrd. Euro 5 % mehr als im Vorjahr zur Verfügung. Ob die eigenen Investitionen der DB AG wegen wegbrechender Fahrgastzahlen und damit einhergehender Verluste in voller Höhe aufrechterhalten werden können, bleibt dagegen abzuwarten.

Von Januar bis September stieg das Volumen der Genehmigungen im Nichtwohnungshochbau (veranschlagte Baukosten) für private Auftraggeber noch um 2,3 %. Es ist aber fraglich, ob die Genehmigungen komplett realisiert werden. Der gesamte Auftragseingang (inklusive des Wirtschaftstiefbaus) im Bauhauptgewerbe brach im Mai und Juni ein, für die ersten neun Monate ergibt sich ein Rückgang um 4,4 %. Der Umsatz legte von Januar bis September im Vorjahresvergleich noch um 3,6 % zu. Die rückläufige Nachfrage im Wirtschaftshochbau und Stornierungen von Aufträgen belasten im zweiten Halbjahr aber die Produktion. Der Auftragsbestand lag zur Jahresmitte mit 26,0 Mrd. Euro aber noch um 11,0 % über dem Vorjahreswert.

Beschäftigung wird leicht erhöht

Seit dem Tiefpunkt der Beschäftigung im Jahr 2009 mit jahresdurchschnittlich 705.000 Erwerbstätigen haben die Firmen des deutschen Bauhauptgewerbes deren Zahl bis 2019 auf 870.000 erhöht. Dies ist immerhin ein Zuwachs um gut 23 %. Dieser Erfolg ist umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass im gleichen Zeitraum etwa 180.000 Erwerbstätige in den Ruhestand gegangen sind.

Im Dezember 2019 ist der Hauptverband noch davon ausgegangen, dass auch für 2020 mit einer weiteren Personalaufstockung auf rund 885.000 Erwerbstätige zu rechnen sei. Derzeit ist aber eher davon auszugehen, dass das Beschäftigungsplus niedriger ausfallen wird. Wir gehen von einer Zunahme von 1 % bzw. 10.000 Personen auf 880.000 Erwerbstätige im Jahresdurchschnitt aus. Dies würde bedeuten, dass - um auch den Abgang in die Rente auszugleichen -, die Unternehmen 2020 ca. 30.000 zusätzliche Beschäftigte einstellen müssten.

Dabei fällt allerdings der Rückgriff auf den deutschen Arbeitsmarkt immer schwerer. Die Zahl der arbeitslosen Baufacharbeiter mit bauhauptgewerblichen Berufen ist - ebenfalls im Jahresdurchschnitt – zwischen 2008 und 2019 von 58.000 auf 17.000 zurückgegangen. 2019 lag in 6 der 16 Bundesländer die Zahl der gemeldeten offenen Stellen schon höher als die Zahl der Arbeitslosen. Noch problematischer ist die Lage bei den Bauingenieuren. Hier liegt bundesweit bereits seit 2015 die Zahl der offenen Stellen über der der Arbeitslosen. Zum Jahresende 2019 lag die Relation bei zwei zu eins.

Der Weg über die Ausbildung ist nur teilweise erfolgversprechend. Zwar ist es gelungen, die Zahl der gewerblichen Auszubildenden im Baugewerbe im ersten Lehrjahr in den vergangenen Jahren - auch durch die Integration Geflüchteter - auf über 14.000 zu steigern. Dies reicht allerdings nicht aus, um die Abgänge in die Rente auszugleichen, auch weil ein Teil der Lehrlinge die Ausbildung nicht beendet.

Die Firmen haben daher vor allem auf den europäischen Bauarbeitsmarkt zurückgegriffen. Der Beschäftigungsaufbau im Bauhauptgewerbe (sozialversicherungspflichtig Beschäftigte) seit 2009 ist zu drei Vierteln auf Erwerbstätige aus anderen Europäischen Ländern zurückzuführen. Deren Anteil an den Belegschaften stieg von 2009 bis 2019 von 8 % auf 20 %. Zusätzlich wird auch wieder verstärkt auf ausländische Subunternehmer zurückgegriffen. Die Zahl der nach Deutschland entsandten Bauarbeiter im Geltungsbereich des Bauhauptgewerbes ist zwischen 2009 und 2019 um 125 % auf 100.000 gestiegen.

Ausgebaut wurden auch die Maschinenkapazitäten. Das Baugewerbe hat seine Investitionen in neue Ausrüstungen und Maschinen zwischen 2009 und 2019 preisbereinigt mehr als verdoppelt. Angesichts der Probleme durch die Corona-Pandemie dürften die Investitionen 2020 aber bestenfalls stagnieren.

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.