Fachkräftesituation im Bauhauptgewerbe

Die Bauwirtschaft passt ihre personellen und maschinellen Kapazitäten fortlaufend an die Nachfrage nach Bauleistung an. Aufgrund der langen Baurezession von 1995 bis 2005 bauten die Baufirmen zu Beginn des Bauaufschwungs neue Kapazitäten erst nur verhalten auf. Ab 2010, als abzusehen war, dass es sich um einen nachhaltigeren Aufschwung handelt, wurde jedoch vermehrt Personal eingestellt. Die Branche hat seit dem Beschäftigten-Tiefpunkt im Jahr 2009 bis 2019 380.000 Personen eingestellt, abzüglich der Rentenabgänge war dies ein Plus von 165.000 Personen. Für 2020 erwartet der HDB eine Stagnation auf dem Vorjahresniveau mit 870.000 Beschäftigte im Bauhauptgewerbe, nach einem Plus von 33.000 im vergangenen Jahr. Die deutsche Bauwirtschaft ist insoweit noch in der Lage, die auf sie zukommenden Aufträge zu bearbeiten. Wenn diese positive Entwicklung des Beschäftigungsaufbaus weitergehen soll, benötigen die Baufirmen allerdings Vertrauen in eine positive baukonjunkturelle Entwicklung. So kann z. B. auch durch eine Verstetigung der öffentlichen Bauinvestitionen eine ständige Kapazitätsanpassung nach oben oder unten vermieden werden.

Aktuelle Situation

Die personellen Kapazitäten am deutschen Bauarbeitsmarkt sind angespannt: Seit Jahren liegt die Zahl der neu für die Branche gewonnenen gewerblichen Auszubildenden im ersten Lehrjahr (2019: 12.500) deutlich unter der Zahl der pro Jahr in den Ruhestand verabschiedeten Bauarbeiter (2019: ca. 15.600) – und das trotz prosperierender Baukonjunktur und wieder steigender Lehrlingszahlen. Arbeitskräftereserven sind auf dem deutschen Bauarbeitsmarkt nur noch begrenzt vorhanden. Bei den Bauingenieuren übersteigt seit dem Frühjahr 2015 die Zahl der offenen Stellen die der Arbeitslosen. Aber auch bei den gewerblichen Fachkräften gibt es seit kurzem einen Engpass: Bis März 2018 lag die Zahl der arbeitslosen Baufacharbeiter noch deutlich über der Zahl der offenen Stellen. Danach hat sich das Verhältnis umgekehrt: Im produktionsstärksten Monat November 2019 kamen auf 14.700 offene Stellen nur noch 12.700 Arbeitslose.  Aufgrund des Corona-bedingten Anstiegs der Zahl der Arbeitslosen und Rückgangs der Fachkräftenachfrage hat sich das Verhältnis allerdings wieder gedreht: Im Mai 2020 kamen auf 14.360 offenen Stellen 18.140 Arbeitslose (Mai 2019: 17.100 offene Stellen zu 13.770 Arbeitslosen).

Vor diesem Hintergrund war es nicht verwunderlich, dass viele Unternehmen zwischenzeitig im Fachkräfteengpass die größte Gefahr für das weitere Wachstum sehen: Im Rahmen der DIHK-Umfrage zu Jahresbeginn 2020 gaben 77 % der befragten Bauunternehmen den Fachkräftemangel als größtes Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Unternehmens an. In der Industrie beklagten nur 46 % dieses Problem (die Umfrageergebnisse vom Frühsommer 2020 liegen noch nicht vor).

Die deutsche Bauindustrie und ihre Unternehmen hatten deshalb eine Vielzahl von Maßnahmen eingeleitet, um dem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen. Diese sind im Einzelnen:

  • Integration der Arbeitslosen in den Bauarbeitsmarkt: Die Zahl der arbeitslosen Baufacharbeiter mit bauhauptgewerblichen Berufen ist im Jahresdurchschnitt von ehemals 70.000 im Jahr 2007 (ältere Zahlen liegen nicht vor) auf 17.000 im Jahr 2019 gesunken. Die Zahl der arbeitslosen Bauingenieure ist im gleichen Zeitraum von 4.400 auf 1.460 zurückgegangen.
  • Intensivierung der Nachwuchswerbung: 2019 konnten 13.830 junge Leute für einen Bauberuf (inkl. Angestellte) gewonnen werden, 2.800 mehr als zum Tiefpunkt im Jahr 2005.
  • Anstieg der Absolventen eines Bauingenieurstudiums: Die Zahl lag 2018 bei 10.480 und damit mehr als doppelt so hoch wie zum Tiefpunkt 2008 mit 4.680.
  • Integration von Fachkräften aus dem Ausland in die eigenen Belegschaften: Die Ausländerquote im Wirtschaftszweig Bauhauptgewerbe ist von 8 % im Jahr 2009 auf inzwischen 20 % angestiegen. In Berufen des Hochbaus (ohne Angestellte) liegt die Quote sogar bei 33 %.
  • Einsatz von Nachunternehmen aus anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union: Die Zahl der nach Deutschland entsandten Arbeitnehmer ist von 51.240 im Jahr 2009 auf 100.000 im Jahr 2019 gestiegen.
  • Überstunden zur Abdeckung von Auftragsspitzen: Im Zeitraum von 2005 bis 2016 gaben bis zu 16 % der Erwerbstätigen im Baugewerbe an, dass sie eine wöchentliche Arbeitszeit von mehr als 48 Stunden hätten. Zusätzlich meldeten bis zu 11 %, auch regelmäßig abends zu arbeiten. Vor 2005 waren es nur bis zu 13 % bzw. 7 %. Durch den Personalaufbau hat sich die Situation ein wenig entspannt, die Anteile lagen 2018 bei 13 % bzw. 8 %.
  • Steigerung der Produktivität des einzelnen Baufacharbeiters: Dies zeigt die derzeit sehr intensiv geführte Digitalisierungsdiskussion in der Bauwirtschaft.
  • Ausweitung des Personalbestandes: 15 % der im Rahmen der DIHK-Umfrage zu Jahresbeginn 2020 befragten Bauunternehmen plant, in den kommenden 12 Monaten seinen Personalbestand auszuweiten. Lediglich 9 % planen eine Einschränkung.

Die Maßnahmen zeigen bereits Wirkung: Im November 2017 gaben im Rahmen der ifo Umfrage noch 19 % der Befragten an, dass ihre Bautätigkeit durch Fachkräftemangel behindert werde, im November 2019 waren es nur noch 13 % und im Juni 2020 12 %.

Siehe auch: auf den Punkt gebracht: „Beschäftigung von Flüchtlingen in der Bauwirtschaft“ Präsentation „Bauarbeitsmarkt“

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.