Fachkräftesituation im Bauhauptgewerbe

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Die Bauwirtschaft passt ihre personellen und maschinellen Kapazitäten fortlaufend an die Nachfrage nach Bauleistungen an. Aufgrund der langen Baurezession von 1995 bis 2005 bauten die Baufirmen zu Beginn des Bauaufschwungs neue Kapazitäten erst nur verhalten auf. Ab 2010, als erwartet wurde, dass es sich um einen nachhaltigeren Aufschwung handelt, wurde jedoch vermehrt Personal eingestellt. Das Bauhauptgewerbe hat seit dem Beschäftigten-Tiefpunkt im Jahr 2009 bis 2020 ca. 430.000 Personen eingestellt, abzüglich der Rentenabgänge war dies ein Plus von 190.000 Personen. Für 2021 erwartet der HDB einen Anstieg von 0,6% bzw. 5.000 Beschäftigten auf 898.000 Beschäftigte im Bauhauptgewerbe, nach einem Plus von 23.000 in 2020. Die deutsche Bauwirtschaft ist insoweit in der Lage, neue Aufträge zu bearbeiten. Wenn diese positive Entwicklung des Beschäftigungsaufbaus weitergehen soll, benötigen die Baufirmen allerdings Vertrauen in eine stabile baukonjunkturelle Entwicklung. So kann z. B. auch durch eine Verstetigung der öffentlichen Bauinvestitionen eine ständige Kapazitätsanpassung nach oben oder unten vermieden werden.

 

Aktuelle Situation

Die personellen Kapazitäten am deutschen Bauarbeitsmarkt sind angespannt: Seit Jahren liegt die Zahl der neu für die Branche gewonnenen gewerblichen Auszubildenden im ersten Lehrjahr (2020: 13.160) deutlich unter der Zahl der pro Jahr in den Ruhestand verabschiedeten Bauarbeiter (2020: ca. 15.000) – und dass trotz prosperierender Baukonjunktur und wieder steigender Lehrlingszahlen. Zudem sind Arbeitskräftereserven auf dem deutschen Bauarbeitsmarkt nur noch begrenzt vorhanden. Bei den Bauingenieuren übersteigt seit dem Frühjahr 2015 die Zahl der offenen Stellen die der Arbeitslosen. Aber auch bei den gewerblichen Fachkräften gibt es seit kurzem einen Engpass: Bis März 2018 lag die Zahl der arbeitslosen Baufacharbeiter noch deutlich über der Zahl der offenen Stellen. Danach hat sich das Verhältnis - zumindest in den Monaten April bis November - umgekehrt: Im produktionsstärksten Monat November 2019 kamen auf 14.700 offene Stellen nur noch 12.700 Arbeitslose.  Aufgrund des Corona-bedingten Anstiegs der Zahl der Arbeitslosen und Rückgangs der Fachkräftenachfrage hatte sich das Verhältnis in 2020 allerdings leicht gedreht: Im November 2020 kamen auf 14.380 offenen Stellen 15.440 Arbeitslose. Im Oktober 2021 (die Novemberdaten lagen noch nicht vor) kamen auf 17.180 offene Stellen allerdings nur noch 12.460 Arbeitslose.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass viele Unternehmen im Fachkräfteengpass die größte Gefahr für das weitere Wachstum sehen: Trotz Corona-Krise gaben im Rahmen der DIHK-Umfrage zum Herbst 2021 80 % der befragten Bauunternehmen den Fachkräftemangel als Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Unternehmens an. In der Industrie beklagten dies nur 56 %.

Die deutsche Bauindustrie und ihre Unternehmen haben deshalb eine Vielzahl von Maßnahmen eingeleitet, um dem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen. Diese sind im Einzelnen:

  • Integration der Arbeitslosen in den Bauarbeitsmarkt: Die Zahl der arbeitslosen Baufacharbeiter mit bauhauptgewerblichen Berufen ist im Jahresdurchschnitt von ehemals 70.000 im Jahr 2007 (ältere Zahlen liegen nicht vor) auf 19.000 im Jahr 2020 gesunken. Die Zahl der arbeitslosen Bauingenieure ist im gleichen Zeitraum von 4.400 auf 1.700 zurückgegangen.
  • Intensivierung der Nachwuchswerbung: 2020 konnten 14.500 junge Leute für einen Bauberuf (inkl. Angestellte) gewonnen werden, 3.500 mehr als zum Tiefpunkt im Jahr 2005.
  • Anstieg der Absolventen eines Bauingenieurstudiums: Die Zahl lag 2020 bei 10.080 und damit mehr als doppelt so hoch wie zum Tiefpunkt 2008 mit 4.680.
  • Integration von Fachkräften aus dem Ausland in die eigenen Belegschaften: Die Ausländerquote im Wirtschaftszweig Bauhauptgewerbe ist von 8 % im Jahr 2009 auf inzwischen 21 % angestiegen. In Berufen des Hochbaus (ohne Angestellte) liegt die Quote sogar bei 35 %.
  • Einsatz von Nachunternehmen aus anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union: Die Zahl der nach Deutschland entsandten Arbeitnehmer ist von 51.240 im Jahr 2009 auf 95.500 im Jahr 2020 gestiegen.
  • Überstunden zur Abdeckung von Auftragsspitzen: Im Zeitraum von 2005 bis 2016 gaben bis zu 16 % der Erwerbstätigen im Baugewerbe an, dass sie eine wöchentliche Arbeitszeit von mehr als 48 Stunden hätten. Zusätzlich meldeten bis zu 11 %, auch regelmäßig abends zu arbeiten. Vor 2005 waren es nur bis zu 13 % bzw. 7 %. Durch den Personalaufbau hat sich die Situation wieder entspannt, die Anteile lagen 2019 bei 12 % bzw. 7 %.
  • Ausweitung des Personalbestandes: Trotz der Corona-Krise gaben - im Rahmen der DIHK-Umfrage zum Herbst 2021 – 14 % der befragten Bauunternehmen an, ihren Personalbestand in den kommenden 12 Monaten ausweiten zu wollen. 76 % planen, ihren Personalbestand beizubehalten und lediglich 10 % der Befragten gab an, Personal abbauen zu wollen.

Trotz dieser vielen Maßnahmen ist die Lage auf dem Bauarbeitsmarkt nach wie vor angespannt: Im Oktober 2021 gaben im Rahmen einer ifo Umfrage 35 % der Befragten an, dass ihre Bautätigkeit durch Fachkräftemangel behindert werde.

Siehe auch:

…auf den Punkt gebracht: „Fluktuationsquote im Bauhauptgewerbe

…auf den Punkt gebracht: „Mehr Bauingenieurinnen am Bau

…auf den Punkt gebracht: „Beschäftigung von Flüchtlingen in der Bauwirtschaft

Präsentation „Bauarbeitsmarkt“ (abzurufen über ELVIRA)

Präsentation „Frauen am Bau“ (abzurufen über ELVIRA)