Partnerschaftskonzepte der Bauindustrie

Mag. Marcus Kaller, Vorsitzender des Arbeitskreises Partnerschaftsmodelle im Hauptverband
 
 
Der öffentliche Bau läuft nicht rund und das nicht nur bei den großen Megaprojekten. Das Bauministerium fand heraus, dass vier von zehn Projekten des Bundes deutlich teurer werden als ursprünglich geplant. Laut Umfrage des Wirtschaftsministeriums unter 1.000 Kommunen wird jedes zweite kommunale, konventionelle Bauvorhaben teurer und/oder später fertig. Die Hertie School aus Berlin wird sogar noch deutlicher: Verkehrsprojekte werden in Deutschland über 30 Prozent und öffentliche Hochbauvorhaben über 40 Prozent teurer. Dabei bleiben die Gewinnmargen in der Baubranche traditionell sehr bescheiden und oft jahrelange, aufwendige Gerichtsverfahren zu Abrechnungsfragen sind keine Seltenheit.
 
Vor dem Hintergrund dieses Befunds war es mehr als notwendig, dass der damalige Bau- und Verkehrsminister die Reformkommission „Bau von Großprojekten“ ins Leben gerufen hat. Die Kommission hat aus unserer Sicht zwei wesentliche Ursachen für aus dem Ruder laufende Großprojekte identifiziert:
  • Ausschreibung auf Basis nicht abgeschlossener Planung und
  • die mangelnde Kooperation von Planungs- und Bauprozessbeteiligten.
 
Dies ist der Bauverwaltung kaum anzulasten – verantwortlich war eine Politik der Investitionszurückhaltung, die in den vergangenen Jahren bei Bund, Ländern und Gemeinden, aber auch bei der Deutschen Bahn AG zum Abbau von Planungs- bzw. Ingenieurkapazitäten geführt hat. Dieser Abbau beeinträchtigt heute die Qualität der Planung und die Fähigkeit, Investitionsvorhaben zu managen. Auch die Bauwirtschaft hat ihre Kapazitäten dramatisch reduzieren müssen und heute ist das Hochfahren vor dem Hintergrund der Demoskopie und des Fachkräftemangels die wohl größte Herausforderung für die gesamte Baubranche. Mit diesem Zustand wollen und dürfen wir uns nicht zufriedengeben. Wir setzen uns deshalb dafür ein, dass Planung, Management und Durchführung öffentlicher Bauprojekte wieder besser und vor allem effizienter werden. Doch wie kann das gelingen? Die Reformkommission „Bau von Großprojekten“ hat als Antwort auf die Problematik Erfolgsfaktoren für eine termin- und kostengerechte Umsetzung von Großprojekten identifiziert:
  • erst planen, dann bauen,
  • stärkeres „kooperatives Planen“ in einem interdisziplinären Planungsteam,
  • eine effektive „partnerschaftliche Projektzusammenarbeit“ und
  • die Nutzung digitaler Planungsmethoden, Stichwort BIM.
 
Kurzum: Mehr partnerschaftliche Projektzusammenarbeit, eine intensive Projektvorbereitung, die „freie Wahl“ der wirtschaftlichsten Beschaffungsvariante, eine die bestehenden Möglichkeiten des Vergaberechts nützende Vergabepraxis sowie die Einbeziehung der Bauunternehmen in die Planungsphase durch die Nutzung von BIM sind Voraussetzungen für eine erfolgreiche Projektabwicklung ohne Termin- und Kostenüberschreitungen!
 
Unser Ziel ist die Erfüllung von Kundenbedürfnissen. Dies geht über den eigentlichen Bau hinaus. BIM macht den LifeCycle, Verfügbarkeit oder auch den Multinutzen eines Projektes möglich, und das ist der Anspruch, dem sich die Bauindustrie stellen kann und möchte.
 
Damit diese Erfolgsfaktoren zum Tragen kommen können, setzt die Deutsche Bauindustrie auf Partnerschaftsmodelle, bei denen
  • Baukompetenz frühzeitig in die Planung eingebunden wird,
  • die Optimierung des Bauprozesses durch die Nutzung partnerschaftlicher Vertragselemente erfolgt und
  • alle Projektbeteiligten gemeinsam und lösungsorientiert auf einer abgestimmten digitalen Plattform zusammenarbeiten.
 
Alle Projektbeteiligten müssen von Anfang an an einem gemeinsam definierten Ziel arbeiten. Nur so kann
  • die eindeutige Definition eines Bausolls erfolgen, um teure Umplanungen während der Bauphase zu vermeiden und Preissicherheit zu erlangen,
  • eine gemeinsame Risikoanalyse stattfinden, um „Unvorhergesehenes“ möglichst zu vermeiden,
  • festgelegt werden, wie mit Konflikten auf der Baustelle umgegangen werden soll,
  • ein gemeinsames Projektcontrolling aufgebaut werden, damit alle Beteiligten den gleichen Stand haben, und
  • eine Kostentransparenz sichergestellt werden, anstatt politische Preise zu nennen!
 
Wir sind der Meinung, dass Projekte nur gemeinsam gelingen können, in einem Team und nicht gegeneinander. Während partnerschaftliche Ansätze jedoch in anderen europäischen Ländern Standard sind, finden sich Partnerschaftsmodelle in Deutschland fast nur im privaten Bereich wieder. Dies liegt vor allem an der Art und Weise, wie öffentliche Projekte umgesetzt werden. So sind wir eines der wenigen Länder, in dem die Planung vom Bau strikt getrennt wird. Es ist ein Witz: Während in fast allen Bereichen der Wirtschaft und Wissenschaft, von der Medizin über die Informatik bis hin zum Sozialmanagement, interdisziplinäre Ansätze verfolgt werden, arbeiten Planer, Architekten und Bauunternehmen weitgehend unabhängig voneinander – jeder in seinem Kämmerlein. Wenn gleichzeitig die Komplexität der Projekte steigt und eine Vielzahl an Projektbeteiligten koordiniert werden muss, erhöht sich auch die Fehleranfälligkeit. Dabei sind die Bauverwaltungen mit ihrem knappen Personal kaum in der Lage, gerade große Projekte zu managen und unzählige Fach- und Teillose zu koordinieren. Vor diesem Hintergrund werden die bislang praktizierte „strikte Trennung von Planen und Bauen“ sowie die Vorgabe des „Vorrangs der Fach- und Teillosvergabe“ den Erfordernissen eines modernen öffentlichen Baumanagements nicht gerecht. Hier möchte ich nicht missverstanden werden. Fachgewerke sollen und können nicht hinausgedrängt werden. Ein echtes Fachgewerk muss als weiterer Partner von Beginn an mit am Tisch sitzen, um eine optimale Realisierung des Projekts sicherzustellen.
 
Die traditionellen Vorgehensweisen müssen deshalb auf den Prüfstand gestellt und die Leitbilder am Bau neu gedacht werden. Die deutsche Bauindustrie steht für diesen Wandel und setzt auf „Modellvielfalt“ und „Partnerschaft am Bau“ als die neuen Leitbilder der Zukunft im öffentlichen Bau! Statt einer Lösung für alles, sollten die öffentlichen Auftraggeber die jeweils „passende“ Lösung zur Umsetzung ihrer Bauvorhaben für sich nutzen können. Wir möchten deshalb, dass unsere Partner auf eine Vielfalt an Beschaffungsvarianten zurückgreifen können, aus der sie die effizienteste – je nach Projektgröße, Eignung und Wirtschaftlichkeit – auswählen können. Das ist nicht nur ein Wunsch der Bauindustrie. Das ist ein Angebot an den öffentlichen Auftraggeber. Diese Modellvielfalt erstreckt sich über alle Vergabemodelle, über die Kopplung mehrerer Projektphasen, etwa Planen und Bauen, Bauen und Instandhalten, bis hin zum „Komplettpaket“ von der Planung bis zur Instandhaltung. Wir klammern also keine Beschaffungsvarianten aus! Die Leitidee dabei ist: Je mehr Phasen zusammengefasst werden, umso stärker das Optimierungspotenzial. So kann sich der Auftraggeber sowohl mit Blick auf seine eigenen Fähigkeiten als auch mit Blick auf die Projektanforderungen aussuchen, welches Modell im Einzelfall am besten passt, um ein Projekt erfolgreich – ohne Streit am Bau – abzuwickeln.
 
Wie jedes Konzept ist auch das Partnerschaftskonzept der Bauindustrie mit klaren Rahmenbedingungen verbunden.
  • Erstens muss der öffentliche Auftraggeber auf Augenhöhe mit den Bauunternehmen verhandeln und handeln können. Hier braucht es auf der Seite der öffentlichen Hand Spezialisten und Fachpersonal, die gemeinsam mit den Bauunternehmen Projektziele definieren, ein Projektcontrolling durchführen und vor allem auch Entscheidungen treffen können und dürfen!
  • Zweitens benötigen wir eine Vergabepraxis, die auch Partnerschaftsmodelle umsetzt, ohne dass hierfür ein exorbitanter Begründungszwang erforderlich wäre.
 
Denn die Praxis sieht heute so aus, dass aus Angst vor Vergabenachprüfungsverfahren und Billigheimern keine Alternativen hin zu partnerschaftlicher Zusammenarbeit geprüft werden. Wenn Angst der Treiber eines Bauprojektes ist, brauchen wir erst gar nicht anzufangen über die wirtschaftliche Sinnhaftigkeit zu sprechen.
 
Und dann geht es um Fairness, eigentlich um Anstand. Es muss auch klar sein, dass Vergabeverfahren, in denen die Bauunternehmen ihr Know-how und ihre Planungsideen einbringen, nicht dazu führen dürfen, dass sich die öffentliche Hand diese Ideen ohne Weiteres und ohne eine Vergütung zu eigen machen. Auch dies erleben wir heutzutage leider immer wieder. Das ist unanständig und führt Partnerschaft ad absurdum. Es muss klar sein: Das Know-how der Unternehmen muss geschützt werden, dann sind diese auch in der Lage, innovative Ideen in die Vorbereitung eines Projekts einzubringen.
 
Partnerschaftsmodelle sind kein Selbstzweck. Wir sehen Partnerschaftsmodelle als die Antwort auf einen Wandel am Bau, der stattfindet, ob wir wollen oder nicht, mit uns oder mit anderen – die digitale Entwicklung ist nicht zu stoppen. Was meine ich damit? Wenn die Digitalisierung uns künftig digitale Planungsplattformen bereitstellt, auf denen alle Projektbeteiligten ihr Know-how von Anfang an einbringen können und auch sollten, wird dies zwangsläufig zu einer früheren Einbindung der Projektbeteiligten (Auftraggeber, Planer, Baudienstleister) führen. Wenn wir die Chancen der Digitalisierung nutzen wollen, wenn wir gemeinsam modellbasierte Projektoptimierungen wollen, dann müssen wir die traditionellen Rollenverteilungen am Bau überwinden und kooperatives Zusammenarbeiten möglicherweise neu erfinden. Die strikte Trennung von Planung und Bau ist in dieser Form nicht aufrechtzuerhalten. Partnerschaftsmodelle bieten die Möglichkeit, Planung und Bau zu koppeln und das Potenzial digitaler Planungsmethoden voll auszuschöpfen. Wenn sich zudem alle Projektbeteiligten einig sind, dass wir nur gemeinsam Projekte im Termin- und Kostenrahmen umsetzen können, erfordert dies auch neue Vertragsmodelle und Umgangsformen. Anstatt eines strikten Preiswettbewerbs müssen künftig Konzepte und Ideen in den Mittelpunkt rücken. Gerade bei größeren Projekten braucht die öffentliche Hand einen starken Partner, der alles aus einer Hand liefert. Auch hier können Partnerschaftsmodelle helfen, Risiken zu minimieren, die Budgetsicherheit zu erhöhen und Konflikte zu reduzieren.

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.