Wirtschaftsbau

Abgrenzung

Zum Wirtschaftsbau gehören alle Maßnahmen im Nichtwohnungsbau, die nicht der öffent­lichen Hand zuzurechnen sind. Vermeintlich öffentliche Auftraggeber wie die Deutsche Bahn oder kommunale Ver- oder Entsorgungsunternehmen werden dem Wirtschaftsbau zugerech­net, wenn sie in einer privatwirtschaftlichen Rechtsform (z. B. GmbH oder AG) auftreten. So gilt zum Beispiel die Deutsche Bahn seit ihrer formalen Privatisierung im Jahr 1994 in der amtlichen Statistik als Auftraggeber im Wirtschaftsbau, obwohl sie sich zu 100 % im Eigentum des Bundes befindet.

 

Entwicklung seit 1991

Von 1991 bis 1994 legten die realen Investitionen gewerblicher Bauherren um mehr als 10 % zu. Dies war vor allem auf die überaus starke Bautätigkeit in den neuen Bundesländern zurückzuführen. Wegen der dadurch geschaffenen Überkapazitäten brach der Wirtschaftsbau in den neuen Bundesländern danach ein, in Westdeutschland führte vor allem die Verlagerung von Produktionsstätten in lohnkostengünstigere Produktionsstandorte im Ausland ebenfalls zu einem Rückgang. Bis 2005 ging der Wirtschaftsbau preisbereinigt um ein Drittel zurück.

 

 

Vom derzeitigen baukonjunkturellen Aufschwung, der 2010 einsetzte, profitiert der Wirtschafts­bau deutlich unterdurchschnittlich. Während die gesamten Bauinvestitionen in den vergange­nen 9 Jahren preisbereinigt um 23 % zulegten, waren es beim Wirtschaftsbau gerade einmal 9 %. Der früher einmal gültige Zusammenhang, wonach von einem gesamtwirtschaftlichen Aufschwung mit einer leichten zeitlichen Verzögerung auch der Wirtschaftsbau profitiert, hat sich in Zeiten der Globalisierung deutlich abgeschwächt.

 

 

 

Struktur der Investoren

Die Bedeutung des (privaten) Dienstleistungssektors hat in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr zugenommen. Auf Handel und Verkehr, Information und Kommuni­kation, Finanz- und Versicherungsdienstleister, Unternehmens- und sonstige private Dienst­leister aller Art entfielen 2018 nahezu 40 % der gesamten Bruttowertschöpfung und sogar nahezu die Hälfte der Erwerbstätigen. Diese Wirtschaftskraft zeigt sich auch bei den Investitio­nen. Von 2013 bis 2017 (neuere Werte liegen noch nicht vor) lag der Anteil aller Dienstleister an den gewerblichen Bauinvestitionen mit durchschnittlich 40 Mrd. Euro pro Jahr bei zwei Dritteln.

Wichtige Investoren sind auch die Unternehmen der Energieversorgung, sowie der Trinkwas­server- und der Abwasserentsorgung. Im vorgenannten Zeitraum investierten sie im Jahres­durchschnitt 13 Mrd. Euro in Bauten, vornehmlich im Tiefbau. Ihr Anteil am gewerblichen Bau lag bei gut einem Fünftel. Vor allem kommunale Ver- und Entsorger, die nicht in der kosten­trächtigen Energieerzeugung (z. B. Off-Shore-Windenergie) tätig sind, weisen über die Jahre eine relativ stabile Investitionstätigkeit auf, die nicht im üblichen Konjunkturzyklus mitschwingt.

Das Verarbeitende Gewerbe (die „Industrie“) hat in Deutschland noch eine sehr viel größere Bedeutung als in anderen „Industrienationen“. Der Anteil an der gesamten Bruttowertschöp­fung lag 2017 bei 23 % und damit mehr als doppelt so hoch wie in Frankreich (11 %) oder Großbritannien (10 %). Dennoch machten die Investitionen der Industrie in Bauten von 2013 bis 2017 mit durchschnittlich 7 Mrd. Euro nur 12 % der gewerblichen Bauaufträge aus. Bei den bedeutendsten Industriezweigen (Fahrzeugbau, Maschinenbau, Chemie, Elektronik) lag 2016 der Anteil der Baumaßnahmen an allen Investitionen nur noch bei 5 %.

 

 

Struktur der Hochbauten

Über den Hochbau liegen in der amtlichen Statistik mehr Informationen vor als über den Tief­bau. Genehmigungen und Fertigstellungen werden nach verschiedenen Gebäudekategorien erfasst. Im Wirtschaftshochbau dominieren Handels- und Lagergebäude, Fabrik- und Werk­stattgebäude, Büro- und Verwaltungsgebäude sowie sonstige Betriebsgebäude (vor allem Hotels und Gaststätten).

 

Seit dem zwischenzeitlichen Tiefpunkt im Jahr 2010 stieg das Genehmigungsvolumen (veran­schlagte Baukosten) in diesen vier Kategorien bis 2017 von 12,7 auf 22 Mrd. Euro. Nach vor­läufigen Zahlen dürften es 2018 sogar mehr als 25 Mrd. Euro gewesen sein.

 

Struktur der Tiefbauten

Über den Tiefbau gibt es in der amtlichen Statistik nur wenige Zusatzinformationen. So diffe­renziert die Berechnung der Bauinvestitionen lediglich zwischen dem gewerblichen und dem öffentlichen Tiefbau. Der Anteil des öffentlichen Baus am gesamten Tiefbau lag von 2010 bis 2018 relativ stabil zwischen 55 und 57 %.

Die Haushaltsrechnungen von Bund, Ländern und Gemeinden (die eine andere Systematik haben, als die Berechnungen der Bauinvestitionen in den volkswirtschaftlichen Gesamtrech­nungen) liefern noch einige Zusatzinformationen. Danach umfasst der öffentliche Tiefbau vor allem den Bau von Verkehrswegen (Eisenbahnen, S-Bahn, Straßen und Brücken, Wasser­straßen). Die Verkehrsinvestitionen ihrerseits werden von den Ausgaben für den Straßen­bereich dominiert.

 

 

Strukturelle Schwächen am Investitionsstandort Deutschland

Bereits seit 2002 liegen die Bruttoanlageinvestitionen der Wirtschaft nur noch geringfügig über den Abschreibungen, die resultierende Nettoinvestitionsquote beträgt im Jahresdurchschnitt nur noch 1 % des Bruttoinlandsproduktes. Mit anderen Worten: Die Unternehmen produzieren an der Verschleißgrenze. Besonders deutlich wird dies, wenn man die Zahlen getrennt für die Dienstleistungsunternehmen und das Verarbeitende Gewerbe betrachtet. Während die Dienstleister am Standort Deutschland noch vergleichsweise kräftig investieren, pendelt die Nettoinvestitionsquote der deutschen Industrie um die Nulllinie.

 

 

Noch problematischer wird es, betrachtet man nur die energieintensiv produzierenden Bran­chen, wie die Unternehmen in den Bereichen Metallerzeugung und -bearbeitung, der Herstel­lung von chemischen Erzeugnissen bzw. von Gummi, Kunststoff- und Glaswaren. Deren Nettoinvestitionsquote liegt seit etwa 15 Jahren im negativen Bereich. Die Unternehmen bekla­gen im internationalen Vergleich hohe Industriestrompreise, zudem haben sie eine tiefe Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Energiepolitik in Deutschland.

 

 

Auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat in seinem Jahresgutachten 2016/2017 die nur mäßige Entwicklung bei den Unternehmens­investitionen beklagt. Der Rat weist auf den hohen positiven Finanzierungssaldo der deut­schen Unternehmen hin. Der Anstieg der Unternehmensersparnis gehe Hand in Hand mit einer hohen Investitionstätigkeit im Ausland. Deutsche Unternehmen kämen bei ihren Investiti­onsentscheidungen häufig zu dem Schluss, dass ein Engagement im Inland nicht hinreichend attraktiv sei. Hier müsste die deutsche Wirtschaftspolitik in erster Linie ansetzen.

Eine Investitionswende in der Wirtschaft setzt daher entsprechende wirtschaftspolitische Rah­menbedingungen voraus. Die seit Jahren auftretenden Überschüsse in den öffentlichen Haus­halten bieten dafür auch gute budgetäre Voraussetzungen. Freie Mittel sollten - wie auch der Sachverständigenrat fordert - stärker zur Förderung der Wachstumskräfte als zu verteilungs­politischen Zwecken eingesetzt werden.

 

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