Fachkräftesituation im Bauhauptgewerbe

Die Bauwirtschaft passt ihre personellen und maschinellen Kapazitäten fortlaufend an die steigende Nachfrage an. Aufgrund der langen Baurezession von 1995 bis 2005 bauten die Baufirmen zu Beginn des Bauaufschwungs neue Kapazitäten erst nur verhalten auf. Ab 2010, als abzusehen war, dass es sich um einen nachhaltigeren Aufschwung handelt, wurde jedoch vermehrt Personal eingestellt. Die Branche hat seit dem Tiefpunkt im Jahr 2009 bis 2018 mehr als 130.000 neue Stellen geschaffen. Auch für 2019 erwartet der HDB einen weiteren Anstieg um 20.000 auf 857.000 Beschäftigte im Bauhauptgewerbe, nach einem Plus von 25.000 auf 837.000 im vergangenen Jahr. Die deutsche Bauwirtschaft ist insoweit noch in der Lage, die auf sie zukommenden Aufträge zu bearbeiten. Wenn diese positive Entwicklung des Beschäftigungsaufbaus weitergehen soll, benötigen die Baufirmen allerdings Vertrauen in eine positive baukonjunkturelle Entwicklung. Nur durch eine Verstetigung der öffentlichen Bauinvestitionen kann eine ständige Kapazitätsanpassung nach oben oder unten vermieden werden.

 

Aktuelle Situation

Die personellen Kapazitäten am deutschen Bauarbeitsmarkt sind angespannt: Seit Jahren liegt die Zahl der neu für die Branche gewonnenen gewerblichen Auszubildenden im ersten Lehrjahr (2018: 12.680) deutlich unter der Zahl der pro Jahr in den Ruhestand verabschiedeten Bauarbeiter (2017: ca. 15.500, 2018 aufgrund der Frühverrentung nicht aussagekräftig) – und das trotz prosperierender Baukonjunktur und wieder steigender Lehrlingszahlen. Arbeitskräftereserven sind auf dem deutschen Bauarbeitsmarkt nur noch begrenzt vorhanden. Bei den Bauingenieuren übersteigt seit dem Frühjahr 2015 die Zahl der offenen Stellen die der Arbeitslosen. Aber auch bei den gewerblichen Fachkräften gibt es seit kurzem einen Engpass: Bis März 2018 lag die Zahl der arbeitslosen Baufacharbeiter noch deutlich über der Zahl der offenen Stellen. Danach hat sich das Verhältnis allerdings umgekehrt: Im Juni 2019 kamen auf 16.800 offene Stellen nur noch 12.800 Arbeitslose.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass viele Unternehmen inzwischen im Fachkräfteengpass die größte Gefahr für das weitere Wachstum sehen: Im Rahmen der DIHK-Umfrage im Frühsommer 2019 gaben 79 % der befragten Bauunternehmen den Fachkräftemangel als größtes Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Unternehmens an. In der Industrie beklagten nur 55 % dieses Problem.

Die deutsche Bauindustrie und ihre Unternehmen haben deshalb eine Vielzahl von Maßnahmen eingeleitet, um dem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen. Diese sind im Einzelnen:

  • Integration der Arbeitslosen in den Bauarbeitsmarkt: Die Zahl der arbeitslosen Baufacharbeiter mit bauhauptgewerblichen Berufen ist im Jahresdurchschnitt von ehemals 70.000 im Jahr 2007 (ältere Zahlen liegen nicht vor) auf 19.000 im Jahr 2018 gesunken. Die Zahl der arbeitslosen Bauingenieure ist im gleichen Zeitraum von 4.400 auf 1.580 zurückgegangen.
  • Intensivierung der Nachwuchswerbung: Bis Ende 2018 konnten 14.000 junge Leute für einen Bauberuf (inkl. Angestellte) gewonnen werden, 1.100 mehr als im Jahr 2016. Der Trend sinkender Lehrlingszahlen im ersten Lehrjahr konnte gebrochen werden.
  • Anstieg der Absolventen eines Bauingenieurstudiums: Die Zahl lag 2017 bei 10.720 und damit mehr als doppelt so hoch wie zum Tiefpunkt 2008 mit 4.680.
  • Integration von Fachkräften aus dem Ausland in die eigenen Belegschaften: Das zeigt die inzwischen auf 18 % angestiegene Ausländerquote im Wirtschaftszweig Bauhauptgewerbe (2009: 8 %). In Berufen des Hochbaus (ohne Angestellte) liegt die Quote sogar bei 30 %.
  • Einsatz von Nachunternehmen aus anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union: Die Zahl der nach Deutschland entsandten Arbeitnehmer ist von 51.240 im Jahr 2009 auf knapp 100.000 im Jahr 2018 gestiegen.
  • Überstunden zur Abdeckung von Auftragsspitzen: Im Zeitraum von 2005 bis 2016 gaben bis zu 16 % der Erwerbstätigen im Baugewerbe an, dass sie eine wöchentliche Arbeitszeit von mehr als 48 Stunden hätten. Zusätzlich meldeten bis zu 11 %, auch regelmäßig abends zu arbeiten. Vor 2005 waren es nur bis zu 13 % bzw. 7 %. Durch den Personalaufbau hat sich die Situation ein wenig entspannt, die Anteile lagen 2017 bei 13 % bzw. 8 %.
  • Steigerung der Produktivität des einzelnen Baufacharbeiters: Dies zeigt die derzeit sehr intensiv geführte Digitalisierungsdiskussion in der Bauwirtschaft.
  • Ausweitung des Personalbestandes: 17 % der im Rahmen der DIHK-Umfrage im Frühsommer 2019 befragten Bauunternehmen plant, in den kommenden 12 Monaten seinen Personalbestand auszuweiten. Lediglich 6 % planen eine Einschränkung, so wenige wie noch nie.

Die Maßnahmen zeigen bereits Wirkung: Im Juni 2018 gaben im Rahmen der ifo Umfrage noch 19 % der Befragten an, dass ihre Bautätigkeit durch Fachkräftemangel behindert werde, im Juni 2019 waren es nur noch 14 %.
 

Siehe auch:

auf den Punkt gebracht: „Beschäftigung von Flüchtlingen in der Bauwirtschaft“
Präsentation „Bauarbeitsmarkt“

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