... auf den Punkt gebracht

Produktivität im Bau(haupt-)gewerbe – ein statistischer Befund.

Produktivität ist für Unternehmen eine entscheidende Größe, vor allem der Arbeitseinsatz steht oftmals in der Betrachtung. Die Arbeitsproduktivität misst die Wertschöpfung je Arbeitnehmer oder Arbeitsstunde. Je produktiver die Beschäftigten arbeiten, mit desto weniger Arbeitskräfteeinsatz können Unternehmen ihre Erzeugnisse herstellen.

1. Zusammenfassung

Die Arbeitsproduktivität lag im Baugewerbe 2021 um 4,2 % unter dem Niveau von 1991. Im Verarbeitenden Gewerbe nahm die Produktivität im gleichen Zeitraum hingegen um 90 % zu. In den gesamten 30 Jahren lag die Produktivität im Baugewerbe nur zweimal über dem Niveau von 1991, und zwar 1992 und 2018. Die Bandbreite der Veränderungsraten lag zwischen plus 6,0 % im Jahr 2010 und minus 4,3 % im Jahr 1995. Der Anstieg 2020 von 2,7 % scheint auf Vorzieheffekte (aufgrund der MwSt.-Senkung) zurückzuführen zu sein, der darauffolgende Rückgang 2021 von 3,2 % war somit zum Teil auch dem gegenläufigen Effekt geschuldet.

Im Bauhauptgewerbe war dieser Effekt allerdings nicht zu beobachten. Der Anstieg 2020 fiel deutlich niedriger (+ 0,8 %) und der Rückgang 2021 deutlich stärker aus (- 7,8 %). Insgesamt lag die Produktivität im Bauhauptgewerbe 2021 aber um 7,1 % über dem Niveau von 1991. Die Entwicklung wies im Gegensatz zum gesamten Baugewerbe im Zeitverlauf aber deutliche Schwankungen auf, welche auf den Beschäftigtenabbau in der Rezessionsphase von 1995 bis 2005 sowie auf den Beschäftigtenaufbau von 2009 bis 2021 zurückzuführen ist. Letzterer erfolgte überwiegend mit weniger produktiven Hilfskräften, was zu einem Rückgang der Produktivität führte. Die Mehrzahl der Bauunternehmen hat es in der gesamten Zeit versäumt, in produktivere Arbeitsabläufe zu investieren, ihnen standen noch ausreichend – auch ausländische – Arbeitskräfte zur Verfügung.

Bei anhaltend hoher Baunachfrage in den kommenden Jahren – worauf ein hoher Bedarf an zusätzlichen Wohnungen und der Nachholbedarf an Investitionen in die nach wie vor marode Infrastruktur hindeuten – und einem gleichzeitig zunehmenden, demografiebedingten Fachkräftemangel werden die Bauunternehmen nicht umhinkommen, in produktivitätssteigernde Maßnahmen zu investieren, wie z.B. Serien- und Vorfertigung, serielles Sanieren, 3D-Druck und BIM.

2. Berechnungsmethodik

Das Statistische Bundesamt berechnet die Arbeitsproduktivität in der Gesamtwirtschaft bzw. einer Branche, indem die preisbereinigte Bruttowertschöpfung (ohne MwSt.) zur Zahl der Beschäftigten oder zur Zahl der geleisteten Arbeitsstunden ins Verhältnis gesetzt wird. Im Folgenden werden die geleisteten Arbeitsstunden herangezogen, da hier die Teilzeitbeschäftigung keine Rolle spielt. In den „Kopfzahlen“ kann eben nicht zwischen Voll- und Teilzeit sowie marginalen Tätigkeiten differenziert werden. Deshalb ist eine Berechnung via Stunden für lange Zeitreihen vorzuziehen. Die Bruttowertschöpfung einer Branche ergibt sich aus dem Produktionswert (Waren und Dienstleistungen) abzüglich der Vorleistungen (im Produktionsprozess verbrauchte, verarbeitete oder umgewandelte Güter und Dienstleistungen).

3. Empirischer Befund

Im Folgenden wird die Entwicklung der Arbeitsproduktivität im Baugewerbe und im Bauhauptgewerbe untersucht. Dabei liegt der Fokus auf dem Zeitraum von 1991 bis 2021, welcher in drei Phasen untergliedert wird: Zum einen in den Zeitraum von 1991 bis 1995, in dem die Firmen einen wiedervereinigungsbedingten Bauaufschwung mit einer starken Steigerung der Baunachfrage (Auftragseingang im Bauhauptgewerbe) von nominal 6,4 % p. a. stemmen mussten (real: 3,4 %). Zum anderen in den Zeitraum von 1996 bis 2005, eine 10 Jahre währende Baurezession, welche auf den Wiedervereinigungsboom folgte, mit einem deutlichen Nachfragerückgang von 5,7 % p. a. (real: – 5,4 %) und einem starken Anstieg der Unternehmensinsolvenzen. Der dritte Zeitraum betrifft die Jahre von 2006 bis 2021, einem bis 2021 - trotz Corona-Krise - anhaltenden Bauaufschwung, hervorgerufen durch niedrige Zinsen, eine - bis 2019 - gute gesamtwirtschaftliche Entwicklung, sinkende Arbeitslosigkeit, steigende Löhne und eine zunehmende (Binnen-)Wanderung mit der damit einhergehenden Steigerung der Wohnungsnachfrage. In diesem Zeitraum ist der Auftragseingang im Bauhauptgewerbe um 5,0 % p. a. gestiegen (real: + 2,0 %).

3.1 Produktivität im Baugewerbe

Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes ist die Arbeitsproduktivität im Baugewerbe von 1991 bis 2021 um 4,2 % gesunken, wobei sich die negative Entwicklung am aktuellen Rand beschleunigt hat. Der Rückgang wurde lediglich im Jahr 2020 unterbrochen (rechnerischer Anstieg der Produktivität von 2,7 %), was auf einen Zuwachs der Bruttowertschöpfung (bei gleichzeitigem leichten corona-bedingten Rückgang der Arbeitsstunden) aufgrund der Vorzieheffekte durch die MwSt.-Absenkung zurückzuführen war. Dieses Plus wurde aber durch den Rückgang 2021 von 3,2 % mehr als aufgezehrt. Dieses Minus ist zum einen den überdurchschnittlichen Baupreissteigerungen und einem realen Produktionsrückgang (die vorgezogenen Umsätze 2020 fehlten 2021) bei gleichzeitigem Anstieg der Arbeitsstunden geschuldet.

Im Vergleich dazu hat die Produktivität in der Gesamtwirtschaft von 1991 bis 2021 um 45 % und im Verarbeitenden Gewerbe – bei allerdings stärkeren zyklischen Ausschlägen - sogar um 90 % zugelegt. Die Unternehmen des Baugewerbes haben es also im Gegensatz zu den Unternehmen anderer Wirtschaftszweige nicht geschafft, ihre Produktivität nennenswert zu steigern.

Dies liegt zum größten Teil an unterlassenen Investitionen: Während die Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes ihre Bruttoinvestitionen in neue Anlagen von 1991 bis 2021 – trotz eines deutlichen coronabedingten Rückgangs 2020 - preisbereinigt um 9 % gesteigert haben, haben die Baufirmen diese im gleichen Zeitraum nur um 0,5 % erhöht. Diese schwache Entwicklung im Baugewerbe ist allerdings ausschließlich auf die Baurezession von 1996 bis 2005 zurückzuführen, als die Investitionen um 61 % gekürzt wurden. In der darauffolgenden Periode des Aufschwungs ab 2006 haben die Bauunternehmen diese – allerdings ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau – real um 163 % erhöht.

Das hat aber nicht gereicht, um die Produktivität zu steigern: Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes hat das Baugewerbe in diesem Zeitraum (von 2006 bis 2021) einen Produktivitätsverlust von 0,2 % p. a. erlitten. Im Zeitraum von 1996 bis 2005 lag dieser mit plus 0,3 % p. a. zumindest im positiven Bereich – trotz Bauabschwung und rückläufigen Investitionen. Dies ist nicht verwunderlich, in diesem Zeitraum wurden – aufgrund des rezessionsbedingten deutlichen Personalabbaus – laut Berechnungen des Statistischen Bundesamtes die Arbeitsstunden (– 32,6 %) stärker reduziert als die reale Produktion (– 30,4 %).

3.2 Produktivität im Bauhauptgewerbe

3.2.1 Berechnungsmethodik: Produktion ohne Vorleistung

Das Statistische Bundesamt weist die Produktivität im Rahmen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) nur für das Baugewerbe aus, welches neben dem Bauhauptgewerbe auch das Ausbaugewerbe enthält. Eine differenzierte Betrachtung des Bauhauptgewerbes wird nicht vorgenommen. Es ist aber möglich, mit Hilfe der Kostenstrukturstatistik eine vergleichbare Berechnung durchzuführen, da diese den Bruttoproduktionswert, die Vorleistungen und auch die Bruttowertschöpfung ausweist, allerdings nur nominal und nur für die Unternehmen des Bauhauptgewerbes mit 20 und mehr Beschäftigten.

Die Deflatoren zur Preisbereinigung werden in diesem Fall für die Vorleistungen aus den VGR und für die Bruttowertschöpfung aus der Baupreisstatistik (Durchschnitt der vorhandenen Indizes für den Rohbau im Hochbau und den Tiefbau, ohne MwSt.) herangezogen, die Arbeitsstunden aus dem Monatsbericht des Bauhauptgewerbes. Letztere enthalten allerdings nur die Arbeitsstunden auf Baustellen, die Arbeitsstunden der Angestellten wurden unter Berücksichtigung der Beschäftigtenstruktur aus der Ergänzungserhebung hinzugeschätzt. Demnach lag die Produktivität der Unternehmen des Bauhauptgewerbes mit 20 und mehr Beschäftigten 2021 um 7,1 % über dem Niveau von 1991 und damit erheblich höher als die Produktivität im gesamten Baugewerbe. Allerdings wies das Bauhauptgewebe deutlich stärkere Ausschläge auf als das Baugewerbe insgesamt.

In der Phase der Baurezession stieg die Produktivität stark an (1996 – 2005: + 4 % p. a.), in Zeiten des Bauaufschwungs nahm sie hingegen deutlich ab (1991 – 1995: - 1,2 % p. a., 2006 – 2021: - 1,7 % p. a.). Diese Entwicklung ist nachvollziehbar: In Zeiten des Abschwungs wird die Zahl der Beschäftigten (und somit die Zahl der Arbeitsstunden) zumeist deutlicher reduziert als der Umsatz. Dass dieser nicht im gleichen Maße zurückgeht, ist darauf zurückzuführen, dass zumeist die unproduktiveren Beschäftigten das Unternehmen verlassen müssen. Gleichzeitig sind die Preise aufgrund des starken Wettbewerbs zurückgegangen bzw. deutlich unterdurchschnittlich gestiegen. Die Produktivitätssteigerung ist somit nicht auf einen technischen Fortschritt zurückzuführen, sondern auf einen rein rechnerischen Effekt aufgrund der Reduzierung der Belegschaft.

In Zeiten des Aufschwungs wird hingegen vermehrt Personal eingestellt, zusätzlich werden Überstunden gemacht, inländische Subunternehmer eingesetzt und – sofern möglich – auf ausländische Kapazitäten zurückgegriffen. Der Einsatz von in- und ausländischen Subunternehmern erhöht die Vorleistung, was wiederum die eigene Bruttowertschöpfung reduziert. Hinzu kommt, dass die Produktivität der neuen Kapazitäten niedriger ist als die der ursprünglich Beschäftigten: So wurden für die Steigerung der realen Bruttowertschöpfung um 5,9 % im Bauhauptgewerbe (Unternehmen mit 20 und mehr Beschäftigten) von 2006 bis 2021 40 % mehr Arbeitsstunden benötigt. Die Integration von vorwiegend geringqualifizierten Arbeitskräften in den Bauarbeitsmarkt ist somit eine der Ursachen für den Rückgang der Produktivität (s. u.).

Der deutliche Unterschied zur Entwicklung im gesamten Baugewerbe ist zum einen darauf zurückzuführen, dass bei der Berechnung für das Bauhauptgewerbe nur die Unternehmen mit 20 und mehr Beschäftigten enthalten sind (s.o.) und zum anderen, dass im gesamten Baugewerbe neben dem Bauhauptgewerbe auch das Ausbaugewerbe enthalten ist, welches überwiegend von Kleinbetrieben dominiert wird. Diese haben – im Gegensatz zu größeren – nicht die Möglichkeit, in Phasen des Aufschwungs auf ausländische Kapazitäten zurückzugreifen. Der Personalaufbau war für die Ausbaubetriebe somit deutlich schwieriger; Personalengpässe in Aufschwungphasen mussten durch Produktivitätssteigerung aufgefangen werden.

Zudem gibt es ein weiteres Problem bei der Messung der Produktivität in der Bauwirtschaft: Einige Leistungen, die früher durch Bauunternehmen erbracht wurden, wie Planungsleistungen, werden nun vermehrt durch Planungs- und Architekturbüros erbracht. Entsprechend ist die Zahl der (sozialversicherungspflichtig) Beschäftigten in Architektur- und Ingenieurbüros im Zeitraum von 2005 bis 2021 um 62 % gestiegen. Im Vergleich dazu hat die (sozialversicherungspflichtige) Beschäftigung im Bauhauptgewerbe im gleichen Zeitraum lediglich um 20 % zugelegt. Somit wurden produktivitätssteigernde Arbeiten ausgelagert und über Vorleistungen wieder eingekauft. Da diese aber per Definition in der Bruttowertschöpfung des Bau(haupt)gewerbes nicht mehr enthalten sind, fällt die Produktivitätssteigerung in der Bauwirtschaft entsprechend niedriger aus. Es empfiehlt sich somit, auch die Entwicklung der Produktivität inklusive der Vorleistungen zu betrachten.

3.2.2 Berechnungsmethodik: Produktion inkl. Vorleistung

Für diese Berechnung wird der baugewerbliche Umsatz aus dem Jahresbericht des Bauhauptgewerbes herangezogen. Im Gegensatz zur Kostenstrukturstatistik ist hier die Berechnung für alle Betriebe (auch die mit weniger als 20 Beschäftigten) möglich. Auch hier muss man berücksichtigen, dass die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden auf Baustellen um die der Angestellten aufgeschätzt wurde. Zusätzlich zur Arbeitsproduktivität aller Betriebe wird noch die der Betriebe mit 20 und mehr Beschäftigten in der Grafik dargestellt, um die Entwicklung mit den oben dargestellten Ergebnissen vergleichen zu können.

Die auf diese Art berechnete Arbeitsproduktivität hat im Bauhauptgewerbe seit Anfang der 90er Jahre bei allen Betrieben um 36 % zugenommen (+ 1 % p.a.). Bei den Betrieben mit 20 und mehr Beschäftigten ergibt sich sogar eine deutlich stärkere Produktivitätssteigerung von 55 % (+ 1,5 % p.a.). Auch hier zeigt sich wieder eine unterschiedliche Entwicklung in den Aufschwung- und Abschwungphasen.

Allerdings ist die Produktivität in der ersten Aufschwungphase von 1991 bis 1995 im Gegensatz zur o. g. Berechnung nicht gesunken, sondern gestiegen: Bei allen Betrieben des Bauhauptgewerbes um 3,1 % p.a. und bei den Betrieben mit 20 und mehr Beschäftigten sogar um 4 % p.a.. Dies ist auf den überdurchschnittlich starken Zuwachs der (preisbereinigten) Vorleistungen zurückzuführen (siehe Grafik unter 3.1), die in dieser Berechnungsmethodik nicht herausgerechnet wurden. Aus diesem Grund ist auch der Rückgang der Produktivität in der Aufschwungphase ab 2006 nicht so stark ausgeprägt wie unter Punkt 1: Im Bauhauptgewerbe ist die Produktivität im Zeitraum von 2006 bis 2021 bei den Betrieben mit 20 und mehr Beschäftigten um 0,6 % p. a. gesunken, bei allen Betrieben um 0,3 %, wobei der Rückgang überwiegend auf das Minus im Jahr 2021 zurückzuführen ist. Und auch hier liegen die Gründe überwiegend im Umsatzrückgang aufgrund des Vorzieheffektes wegen der MwSt.-Senkung im zweiten Halbjahr 2020 bei gleichzeitigem Anstieg der Arbeitsstunden.

4 Gründe für die niedrige Produktivität im Bau(haupt)gewerbe

Die aufgezeigten Messprobleme der Produktivität im Bauhauptgewerbe sind zwar zum Teil erheblich, dennoch bleibt die Diagnose einer unterdurchschnittlichen Entwicklung der Arbeitsproduktivität bestehen und hat vorwiegend realwirtschaftliche Gründe. So ist der Zeitraum von 1991 bis heute in der Bauwirtschaft durch viele Veränderungen gekennzeichnet. Der kurzen wiedervereinigungsbedingten Boomphase folgte eine langanhaltende Rezession mit einem starken Anstieg der Unternehmensinsolvenzen und einem äußerst hohen Beschäftigtenrückgang.

Den darauffolgenden Aufschwung ab 2006 haben die Unternehmen erst ab 2009 als nachhaltig empfunden und erst dann angefangen, Personal aufzubauen. Bis dahin wurde die zunehmende Nachfrage über einen Anstieg von Überstunden abgefedert. Ab 2016 mehrten sich die Meldungen über Behinderungen der Bautätigkeit aufgrund von Fachkräftemangel. Der deutliche Anstieg der Maschinenauslastung der Bauunternehmen setzte sogar schon 2010 ein und erreichte (im Jahresdurchschnitt) seinen Höhepunkt 2018 mit einer Auslastung von 79 % (2021: 78 %).

In sämtlichen Phasen seit 1991 waren die Unternehmen entweder mit dem (kurzfristigen) Aufbau von Kapazitäten oder mit dem „Überleben“ beschäftigt. Auch der seit 16 Jahren anhaltende Aufschwung wurde nicht ausreichend genutzt, um über vermehrte Investitionen in neue Technologien die Produktivität zu erhöhen. Die Mitarbeiter in den Unternehmen waren zu sehr damit beschäftigt, die gestiegene Nachfrage zu bedienen. Insbesondere, da die Unternehmen des Bauhauptgewerbes noch die Möglichkeit hatten, sowohl auf inländische als auch auf ausländische Kapazitäten zurückzugreifen.

4.1 Arbeitskräfte (noch) verfügbar

Die Unternehmensentscheidung für oder gegen einen Produktionsfaktor (in diesem Fall Arbeit oder Kapital) beruht auf deren Verfügbarkeit und auf der Abwägung von Kosten. Nachdem die Möglichkeit der Überstunden ausgereizt war und sich der Bauaufschwung als nachhaltig erwies, haben sich die Bauunternehmen für einen dauerhaften Beschäftigtenaufbau entschieden.

4.1.2 Auf dem deutschen Bauarbeitsmarkt 

Die stille Reserve auf dem deutschen Bauarbeitsmarkt war noch ausreichend hoch: Die Zahl der arbeitslosen Baufacharbeiter mit bauhauptgewerblichen Berufen lag im Jahresdurchschnitt 2008 bei 58.000. Davon wurden knapp 41.000 in den Arbeitsmarkt integriert. Im Jahresdurchschnitt 2021 waren bei der Bundesagentur für Arbeit nur noch 17.000 Baufacharbeiter arbeitslos gemeldet, inkl. Helfern waren es 42.000.

Zwischenfazit: Die Reserve ist nahezu aufgebraucht.

Hinzu kommt, dass einem Beschäftigtenaufbau über eine vermehrte Ausbildung Grenzen gesetzt sind. Die Zahl der neuen gewerblichen Auszubildenden lag lt. Soka-Bau Ende 2021 mit 13.560 zwar über dem Vorjahresniveau, dies reicht aber nicht aus, um den Abgang in die Rente (ca. 14.000) und den Wechsel in andere Wirtschaftszweige auszugleichen.

4.1.3 Auf dem ausländischen Bauarbeitsmarkt 

Der Beschäftigtenaufbau der vergangenen Jahre erfolgte vor allem über den ausländischen Bauarbeitsmarkt. Der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Bauhauptgewerbe mit einem ausländischen Pass ist von 8 % im Jahr 2009 auf 22 % 2021 gestiegen. Gleichzeit hat sich die Zahl der temporär aus dem Ausland auf den deutschen Baumarkt entsandten Personen von 51.000 im Jahr 2009 auf 95.700 im Jahr 2021 fast verdoppelt.

Zwischenfazit: Mit zunehmender Verbesserung der (Bau-)Konjunktur in den europäischen Ländern, aus denen die zusätzlichen Personalkapazitäten stammen, wird es für deutsche Unternehmen in Zukunft schwieriger werden, auf diese zurückzugreifen. Hinzu kommt, dass auch diese Länder vom demografischen Wandel betroffen sind.

4.2 Beschäftigungsaufbau überwiegend über Geringqualifizierte

Die Integration von vorwiegend geringqualifizierten Arbeitskräften in den Arbeitsmarkt ist eine Ursache für den Rückgang der Produktivität. Laut Bundesagentur für Arbeit ist der Anteil der Helfer an den gesamten sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten im Bauhauptgewerbe von 15 % im Jahr 2013 auf 21 % im Jahr 2021 gestiegen (die Daten liegen erst ab 2013 vor). Der Anteil der Fachkräfte ist hingegen im gleichen Zeitraum von 71 % auf 64 % zurückgegangen.

4.3 Arbeitskosten (noch) relativ gering

Die Entscheidung für einen Beschäftigtenaufbau (und somit gegen einen vermehrten Einsatz von Kapital für Investitionen) ist – neben der Verfügbarkeit – auch darauf zurückzuführen, dass die Arbeitskosten im Baugewerbe vergleichsweise niedrig waren. So lag der durchschnittliche Bruttomonatsverdienst im Baugewerbe 2009 (3. Quartal) bei 2.700 Euro (ohne Sonderzahlungen) und damit um 14 % unter dem des Verarbeitenden Gewerbes. Im Hoch- und Tiefbau lag der durchschnittliche Bruttomonatsverdienst bei 2.900 Euro und der Abstand damit bei 8 %. Diese Lücke ist zumindest im Hoch- und Tiefbau etwas geschrumpft: 2021 lag sie nur noch bei 6 %. Dies ist darauf zurückzuführen, dass der Verdienst im Hoch- und Tiefbau bis 2021 um 37 % und im Verarbeitenden Gewerbe nur um 35 % gestiegen ist.

4.4 Niedrige und „falsche“ Investitionen

Die Investitionstätigkeit der Bauunternehmen ist regelmäßig ein Spiegel der baukonjunkturellen Entwicklung. Zu Zeiten einer stark wachsenden Baunachfrage in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung lag das Investitionsniveau im Baugewerbe jährlich bei gut 8 bis 9 Mrd. Euro. Zum Ende der zehnjährigen Baukrise im Jahr 2005 waren es mit 3,2 Mrd. Euro etwa zwei Drittel weniger. 2021 lagen die Investitionen in neue Anlage bei 10,1 Mrd. Euro und damit nominal 8,8 % über dem Höchststand zum Wiedervereinigungsaufschwung im Jahr 1993. Real betrachtet wird der Wert der Investitionen aber durch die Preissteigerung abgeschwächt: Die Unternehmen haben 2021 preisbereinigt 8,7 % weniger investiert als zum Höchststand 1993.

Dass die Investitionen in Zeiten der Baurezession zurückgefahren wurden, lag – neben den knappen Finanzmitteln – auch daran, dass die Zinssätze für Unternehmenskredite zu Beginn der Baurezession noch bei über 6 % lagen. Auch zu Beginn des Aufschwungs Anfang 2006 lagen sie noch bei annähernd 4 % und 2008 sogar wieder bei 5,5 %. Somit standen hohen Kapitalkosten vergleichsweise niedrige Arbeitskosten gegenüber. Erst seit 2014 (bis 2021) liegen die Zinssätze für Unternehmenskredite dauerhaft unter 2 %.

Neben zu geringen Investitionen spielt auch eine Rolle, dass die Bauunternehmen die Priorität überwiegend auf Ersatzinvestitionen und nicht auf Innovationen legen: Während im Rahmen der DIHK-Konjunkturumfrage regelmäßig 80 % der befragten Bauunternehmen als Hauptmotiv für ihre Investitionen den Ersatzbedarf angeben, gab nur jedes fünfte die Produktinnovation als Motiv an. Letzteres hatte zwischenzeitig aber an Bedeutung gewonnen: 2005 gab dies nur jedes zehnte Bauunternehmen an. Aufgrund der seit Frühsommer 2022 zu beobachtenden deutlichen Abschwächung der Baukonjunktur gaben im Herbst 2022 aber nur noch 17 % der befragten Bauunternehmen an, in Produktinnovation investieren zu wollen.

Das geringe Interesse an Innovationen im Baugewerbe wird auch durch eine Creditreform-Umfrage im Herbst 2021 untermauert: Demnach gaben nur 2,4 % der befragten Bauunternehmen an, dass durch Automatisierung und Digitalisierung Personal ersetzt werden kann.

Zwischenfazit: Erst wenn der Faktor Arbeit noch knapper und somit teurer wird, werden die Investitionen im Bauhauptgewerbe deutlich steigen.

Unser Gesamtfazit:

Die ungenutzten Personalkapazitäten im Inland (Arbeitslose) sind nahezu ausgeschöpft. Auch erschwert der demografische Wandel den Personalaufbau durch vermehrte Ausbildung. Dieser Wandel ist auch in den anderen europäischen Ländern zu beobachten. Somit wird es – auch vor dem Hintergrund der zunehmenden Verbesserung der Konjunktur in den europäischen Ländern, aus denen die zusätzlichen Personalkapazitäten stammen - für deutsche Unternehmen in Zukunft schwieriger werden, auf ausländische Arbeitskräfte zurückzugreifen.

An einer nachhaltigen Steigerung der Produktivität durch Erhöhung der Investitionen zur Verbesserung der Arbeitsprozesse führt dann kein Weg mehr vorbei. Dies kann durch digitalisierte Arbeitsprozesse erreicht werden, wie etwa den vermehrten Einsatz der Building Information Modeling Methodik (BIM) nicht nur bei großen, sondern auch bei kleinen und mittleren Projekten im Hoch- aber auch im Tiefbau. Mindestens ebenso wichtig sind Kooperationen, integriertes Arbeiten und Partnerschaften. Schlussendlich baut die Bauindustrie das, was bestellt wird: Die Branche ist in erster Linie Dienstleister, eine produktivitätssteigernde Verbesserung von Bauprozessen kann also nur zusammen mit den Auftraggebern erreicht werden.