Kraus / 26.02.2026
Die Bauwirtschaft passt ihre personellen und maschinellen Kapazitäten fortlaufend an die Nachfrage nach Bauleistungen an. Aufgrund der langen Baurezession von 1995 bis 2005 bauten die Baufirmen zu Beginn des Bauaufschwungs neue Kapazitäten erst nur verhalten auf. Ab 2010, als erwartet wurde, dass es sich um einen nachhaltigeren Aufschwung handelt, wurde jedoch vermehrt Personal eingestellt. Das Bauhauptgewerbe hat seit dem Beschäftigten-Tiefpunkt im Jahr 2009 bis 2023 ca. 500.000 Personen eingestellt, abzüglich der Rentenabgänge war dies ein Plus von 222.000 Personen. 2024 wurde erstmals seit 2008 wieder Personal abgebaut, und zwar um 1,2 % bzw. 11.500 auf 916.000 Stellen. Einem Beschäftigtenaufbau im Tiefbau stand ein -abbau im Hochbau gegenüber. Aufgrund des Anstiegs der Baunachfrage 2025 haben die Bauunternehmen ihr Personal wieder leicht aufgebaut, und zwar um 6.600 bzw. 0,7 % auf 923.000. Für 2026 erwartet der HDB einen weiteren Anstieg von 10.000 bzw. 1 % auf 933.000 Personen.
Um in Zukunft wieder nachhaltig Kapazitäten aufzubauen, benötigen die Baufirmen Vertrauen in eine stabile baukonjunkturelle Entwicklung, denn einmal aus dem Bauarbeitsmarkt ausgeschiedene Fachkräfte sind schwer zurückzugewinnen. Ansonsten können sowohl die dringend benötigten Wohnungen bei Wiederanspringen der Wohnungsbaukonjunktur als auch die Investitionen in die Infrastruktur nicht im ausreichenden Maße gebaut bzw. getätigt werden. Neben einer verlässlichen Förderpolitik müssen Vorschriften und Vorgaben entschlackt und eine einheitliche Bundesbauordnung eingeführt werden, um die Baukosten zu senken. Auch kann eine reale (preisbereinigte) Verstetigung der öffentlichen Bauinvestitionen eine ständige Kapazitätsanpassung nach oben oder unten verhindern.
Aktuelle Situation
Die personellen Kapazitäten am deutschen Bauarbeitsmarkt haben sich leicht entspannt: Die Betriebe des Bauhauptgewerbes konnten ihren Personalbestand im Jahresdurchschnitt 2025 um 0,7 % erhöhen (s.o.), die Betriebe mit 20 und mehr Beschäftigten (Monatsbericht) meldeten sogar ein Plus von 1,1 %. Eine Differenzierung nach Wirtschaftszweigen (WZ) des Bauhauptgewerbes ist bisher allerdings nur bis November möglich: Demnach liegt der Anstieg im Durchschnitt der ersten elf Monate zwischen 1,5 % im WZ „Dachdeckerei und Bauspenglerei“ und 3,1 % im WZ „Leitungstiefbau und Kläranlagenbau“. Letzteres ist angesichts der guten Auftragslage in diesem WZ nicht verwunderlich. Lediglich in den WZ „Bau von Gebäuden“ und „Bau von Straßen“ sind die Unternehmen aufgrund der insgesamt immer noch schlechten Auftragssituation im Wohnungsbau und im Straßenbau bisher zurückhaltend (- 1,6 % bzw. + 0,3 %).
Dabei haben die Bauunternehmen, die ihren Personalbestand erhöht haben, ihren zusätzlichen Bedarf aus der stillen Reserve gedeckt: Die Zahl der Arbeitslosen mit bauhauptgewerblichen Berufen (Baufacharbeiter + Experten + Helfer) ist im Jahresdurchschnitt 2025 um 3,9 % auf 41.150 gesunken, nach einem Anstieg 2023 und 2024 von 7,6 bzw. 5,4 %.
Hintergrund
Die deutsche Bauindustrie und ihre Unternehmen hatten eine Vielzahl von Maßnahmen eingeleitet, um dem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen und den Beschäftigtenaufbau ab 2010 zu bewältigen - diese waren und sind im Einzelnen:
- Integration der Arbeitslosen in den Bauarbeitsmarkt: Die Zahl der arbeitslosen Baufacharbeiter mit bauhauptgewerblichen Berufen ist im Jahresdurchschnitt von ehemals 70.000 im Jahr 2007 (ältere Zahlen liegen nicht vor) auf 17.240 im Jahr 2025 gesunken. Die Zahl der arbeitslosen Bauingenieure ist im gleichen Zeitraum von 4.400 auf 2.710 zurückgegangen. Auch die Zahl der Baufacharbeiter mit ausbaugewerblichen Berufen ist gesunken, und zwar von 83.000 auf 33.360. Insgesamt stehen aber immer noch bis zu 50.600 Baufacharbeiter dem Arbeitsmarkt zur Verfügung, inkl. Helfer und Experten wären es sogar 117.000. Allerdings sind natürlich nicht alle – wegen Alter und gesundheitlichen Einschränkungen – wieder in den Bauarbeitsmarkt integrierbar.
- Integration freigestellten Personals aus dem Verarbeitenden Gewerbe: Im Rahmen der Baurezession sind arbeitslos gewordene Bauarbeiter häufig in andere Wirtschaftszweige abgewandert, insbesondere in die des Verarbeitenden Gewerbes. Aufgrund der sich dort seit 2024 verschlechternden wirtschaftlichen Lage – der Umsatz ging 2024 um 3,4 % und 2025 um 1,1 % zurück – wurde vermehrt Personal „freigestellt“: Im Durchschnitt des Jahres 2024 ging die Zahl der Beschäftigten um 0,5 % bzw. 26.550 und 2025 sogar um 2,0 % bzw. 111.000 zurück. Etliche von diesen Personen können (auch aufgrund ihrer originären Bauausbildung oder verwandten Berufen) in den Bauarbeitsmarkt integriert werden.
- Intensivierung der Nachwuchswerbung: 2021 konnten 14.800 junge Leute für einen Beruf im Bauhauptgewerbe (inkl. Angestellte) gewonnen werden, 34 % bzw. 3.800 mehr als zum Tiefpunkt im Jahr 2005. Aufgrund des konjunktur- und demografiebedingten Rückgangs 2022 bis 2024 ist das Plus auf 12 % bzw. 1.320 geschrumpft. Die Zahl der neuen Ausbildungsverhältnisse in der Bauwirtschaft lag Ende 2024 laut Soka-Bau im gesamten Bundesgebiet bei 12.340 und damit schon deutlich unter den in den Ruhestand verabschiedeten Mitarbeitern (2024: ca. 19.800). Hinzu kommt, dass die Soka-Bau für 2024 einen Rückgang der Ausbildungsverhältnisse um 4,7 % gemeldet hat, das war das dritte Minus in Folge. Außerdem stehen nicht alle Auszubildenden, welche eine Ausbildung am Bau begonnen haben, letztendlich auch dem Bauarbeitsmarkt zur Verfügung: Laut Statistischem Bundesamt werden 40 % der Ausbildungsverträge im Hoch- und Tiefbau vorzeitig gelöst. Aktuell gibt es aber wieder einen Lichtblick: Die Soka-Bau meldete für Ende Dezember 2025 einen Anstieg der Zahl der Ausbildungsverhältnisse im 1. Lehrjahr im Vergleich zum Vorjahr um 13,3 % auf knapp 14.000.
- Anstieg der Absolventen eines Bauingenieurstudiums: Die Zahl lag 2024 bei 10.458 und damit mehr als doppelt so hoch wie zum Tiefpunkt 2008 mit 4.680.
- Integration von Fachkräften aus dem Ausland in die eigenen Belegschaften: Die Ausländerquote im Wirtschaftszweig Bauhauptgewerbe ist von 8 % im Jahr 2009 auf inzwischen (2025) 25 % angestiegen. In Berufen des Hochbaus (ohne Angestellte) liegt die Quote sogar bei 36 %.
- Einsatz von Nachunternehmen aus anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union: Die Zahl der nach Deutschland entsandten Arbeitnehmer ist von 51.240 im Jahr 2009 auf 107.000 im Jahr 2015 gestiegen. Seitdem ist ein Rückgang auf 86.000 im Jahr 2024 zu beobachten. Letzteres dürfte auf den kontinuierlichen Aufbau der eigenen Belegschaft zurückzuführen sein. Bei einem zusätzlichen Fachkräftebedarf sollte es möglich sein, die Zahl der Entsandten wieder zu erhöhen.
- Halten bzw. Aufbau des Personalbestandes: Trotz der zwischenzeitigen Abschwächung der Baukonjunktur haben die Bauunternehmen – mit Ausnahme von 2024 – ihren Personalbestand gehalten, bzw. sogar weiter aufgestockt. Im Rahmen der aktuellen DIHK-Umfrage zu Jahresbeginn 2026 gab zwar nur jeder zehnte der Befragten an, den Personalbestand in den kommenden 12 Monaten aufstocken zu wollen, knapp 70 % gaben aber auch an, ihn halten zu wollen. Das Halten ging in der Vergangenheit aber immer zu Lasten der Produktivität im Baugewerbe. Schließlich wird diese aus dem Verhältnis der realen Produktion zur Beschäftigung berechnet. Wenn die reale Produktion sinkt und die Beschäftigung steigt bzw. gleichbleibt, sinkt die (berechnete) Produktivität.
Aufgrund des Personalaufbaus (aber auch wegen der baukonjunkturellen Abschwächung insbesondere im Wohnungs- und im Straßenbau) hat sich die Einschätzung der Bauunternehmer hinsichtlich eines drohenden Fachkräfteengpasses etwas entspannt: Im Rahmen der aktuellen DIHK-Umfrage gaben zwar immer noch 60 % der befragten Bauunternehmen den Fachkräftemangel als Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Unternehmens an, der Anteil lag aber auch schon mal deutlich höher (Jahresbeginn 2019: 81 %).